Über Krieg und Frieden. Zum 76. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus

von Christiane Reymann

Diese Rede wurde am 8. Mai auf der Ver­anstal­tung der FRIKO zum 76. Jahrestag der Befreiung am Sow­jetis­chen Ehren­mal Tier­garten gehalten.

1. Dank

Liebe Anwe­sende, liebe Friedens­fre­undin­nen und Friedens­fre­unde, ich danke Euch sehr, dass wir heute hier am Sow­jetis­chen Ehren­mal im Tier­garten gemein­sam nach­denken kön­nen über den Tag der Befreiung; dass wir physisch zusam­men sind, uns anguck­en und aus­tauschen kön­nen, und zusam­men danke sagen, sba­si­ba, thank you, merci.

Mit dem heuti­gen 76. Jahrestag der Befreiung sind zwei weit­ere Jahrestage ver­bun­den: Der 22. Juni, als vor 80 Jahren Hitlerdeutsch­land in die Sow­je­tu­nion einge­fall­en ist. Und natür­lich der Tag, mit dem alles begann, der 1. Sep­tem­ber 1939, der Über­fall auf Polen. Zwis­chen diesen drei Dat­en liegen in dem von Deutschen angezettel­ten Ver­nich­tungskrieg gegen die „slaw­is­chen Unter­men­schen“ und den „jüdis­chen Bolschewis­mus“ 27 Mil­lio­nen Bürg­erin­nen und Bürg­er der Län­der der Sow­je­tu­nion, sechs Mil­lio­nen Jüdin­nen und Juden wur­den von Deutschen ermordet, nicht zu vergessen die 20 Mil­lio­nen Chi­nesin­nen und Chi­ne­sen, schließlich war Hitlerdeutsch­land mit dem in Chi­na und Indochi­na wüten­den japanis­chen Impe­ri­al­is­mus durch den Antikom­intern­pakt aufs eng­ste ver­bun­den; und Deutschen hat der Krieg Leid gebracht, siebenein­halb Mil­lio­nen Sol­dat­en und Zivilis­ten hat er das Leben gekostet.

Zu diesen unfass­baren Zahlen von Toten kom­men noch viel mehr Men­schen, die im Krieg kör­per­lich und seel­isch schw­er ver­let­zt wor­den sind, die Ungezählten, die ihre Liebe, Ihre Lebenslust, manche auch sich selb­st ver­loren haben.

Für mich sind diese Zahlen nur zu ertra­gen, wenn wir nicht nur in Worten sagen: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschis­mus!“, son­dern wenn wir dafür etwas tun!

2. Vertane Chancen

Nach 1945 gab es eine kurze Phase der Hoff­nung auf eben dieses: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschis­mus. Doch es brauchte nur den Wim­pern­schlag von sechs Jahren, bis die Zeichen wieder auf Span­nung standen. 1951 wurde in West­deutsch­land das KPD-Ver­botsver­fahren ein­geleit­et. Es galt nicht nur der Kom­mu­nis­tis­chen Partei, son­dern auch der Vere­ini­gung der Ver­fol­gten des Naziregimes, der Deutschen Friedens­ge­sellschaft, dem Demokratis­chen Frauen­bund, der Freien Deutschen Jun­gend FDJ, dem Demokratis­che Kul­tur­bund … Ins­ge­samt über zwanzig Organ­i­sa­tio­nen wur­den bis 1956 im Zusam­men­hang mit dem KPD-Ver­bot selb­st ver­boten. Sie alle hat­ten gemein­sam die Oppo­si­tion gegen die Wieder­be­waffnung und die West­ein­bindung der Bon­ner Republik.

Die Sow­je­tu­nion ver­suchte die sich abze­ich­nende Span­nung und Block­bil­dung zu ver­hin­dern. Sie wandte sich 1952 in der soge­nan­nten Stal­in-Note an die anderen alli­ierten Siegermächte USA, Großbri­tan­nien und Frankre­ich mit diesem Vorschlag: Deutsch­land solle ein ein­heitlich­er Staat, dabei poli­tisch neu­tral sein. Die Ange­sproch­enen haben diese aus­gestreck­te Hand aus­geschla­gen. Sie betrieben die Block­bil­dung. Und das Inter­esse der west­lichen Teil­re­pub­lik wird Bun­deskan­zler Ade­nauer in den Mund gelegt mit dem Spruch: Lieber das halbe Deutsch­land ganz als das ganze Deutsch­land halb.

3. Geschichte wiederholt sich … 

Schon nach 1945 war die West­bindung nicht nur gegen den Kom­mu­nis­mus gerichtet Die Teilung Deutsch­lands und die Spal­tung Europas in zwei feindlich einan­der gegenüber­ste­hende Blöcke fol­gte seit­ens des West­ens dem Inter­esse, eine starke Kon­ti­nen­tal­macht von Liss­abon bis Wladi­wos­tok zu ver­hin­dern. Das wurde erst im Rück­blick richtig klar, als sich die Geschichte nach Zäsur von 1989/90 schein­bar wiederholte.

Wieder gab es eine kurze Etappe des Neube­ginns mit ein­er friedlichen Vision: Am 9. Novem­ber 1990 Unterze­ich­neten Hel­mut Kohl und Michail Gor­batschow in Bonn feier­lich den „Ver­trag über gute Nach­barschaft, Part­ner­schaft und Zusam­me­nar­beit“. Darin ver­sich­ern bei­de Seit­en, durch Ver­ständi­gung und Ver­söh­nung einen gewichti­gen Beitrag zur Über­win­dung der Tren­nung Europas zu leis­ten und „eine dauer­hafte und gerechte europäis­che Frieden­sor­d­nung ein­schließlich sta­bil­er Struk­turen der Sicher­heit zu schaf­fen.“  Sie verpflichteten sich zum „Nich­tan­griff“, sie wür­den „niemals und unter keinen Umstän­den als erste Stre­itkräfte gegeneinan­der oder gegen dritte Staat­en einsetzen.“

Dieser Ver­trag ist immer noch in Kraft. Die Wirk­lichkeit jedoch hat sich weit von ihm entfernt.

Nicht nur, dass sich die NATO im Bruch aller Zusagen von 1989 an die West­gren­ze Rus­s­lands aus­gedehnt hat, nicht nur, dass die NATO-Staat­en derzeit absurde 1035 Mil­liar­den Dol­lar für Rüs­tung aus­geben, das ist 16-mal so viel wie Rus­s­land (65,1 Mil­liar­den) oder in anderen Rela­tio­nen: Der Rüs­tung­shaushalt Rus­s­lands erre­icht ger­ade mal gut sechs Prozent desjeni­gen der NATO-Staat­en. Mit den riesi­gen US-Manövern Defend­er Europe 2020 und 2021 Rus­s­land haben die USA und ihre Ver­bün­de­ten, ein­schließlich der nicht-NATO-Staat­en Georgien, Ukraine, Finn­land, Schwe­den im ver­gan­genen Jahr den Zugriff auf Rus­s­land von der Ost­see, der Nord­flanke aus, geübt du in diesem dann vom Süden aus, vom Schwarzen Meer. Manöver sind keine Som­mer­lager von Pfadfind­ern, Manöver sind Übun­gen für den Krieg.

Welch Geistes Kind diese „Übun­gen“ sind, hat Ursu­la von der Leyen, als sie noch Vertei­di­gungsmin­is­terin war, in atlantis­ch­er und deutsch­er Ver­messen­heit aus­ge­sprochen: mit Rus­s­land sei nur aus der „Posi­tion der Stärke“ zu reden, zumal „die östlichen Nach­barn Schutz vor Rus­s­land erwarten.“ Die Antwort ihres rus­sis­chen Kol­le­gen im Amt, Sergej Schoigu: „Nach allem, was Deutsch­land unserem Land ange­tan hat, soll­ten Sie meines Eracht­ens noch 200 Jahre lang nichts zu diesem The­ma sagen. Ich will nicht grob oder unhöflich sein, aber ich nehme an, Sie ver­ste­hen mich.“ Ob Ursu­la von der Leyen ihn ver­ste­ht, weiß ich nicht. Wir aber ver­ste­hen ihn. Und er hat Recht. Diese wider­liche deutsche Groß­mannssucht (meinetwe­gen auch Großfrausucht) muss endlich aufhören! Wir müssen sie beenden!

4. Vorkrieg: Krieg der Worte, Krieg der Wirtschaft

Christa Wolfs Kas­san­dra sagt in der gle­ich­nami­gen Erzäh­lung: „Wann der Krieg begin­nt, wis­sen wir. Doch wann begann der Vorkrieg?“ Für das Hier und Jet­zt ken­nen wir die Antwort: Der Vorkrieg gegen Rus­s­land hat längst begonnen.

Der rus­sis­che Präsi­dent, er ist kein Panikmach­er, hat in jün­ger­er Zeit wieder­holt vor einem Drit­ten Weltkrieg gewarnt. Nur kurz davor war es mehrmals in Syrien, inzwis­chen auch in der Ukraine. An diesen und anderen Bren­npunk­ten ist Frieden nur mit, nicht gegen Rus­s­land zu erreichen.

Doch statt Ver­ständi­gung und Ver­söh­nung erleben wir von bun­des­deutsch­er Seite Über­he­blichkeit, Nich­tach­tung und ständi­ge Ver­suche, Rus­s­land zu demüti­gen. Zusät­zlich zum Säbel­ras­seln erleben wir einen Krieg der Worte und mit Sank­tio­nen wird die Wirtschaft als Waffe einge­set­zt. Und wieder ist es das­selbe Inter­esse wie vor 76 Jahren: Eine starke, eine friedliche, eine blühende eura­sis­che Kon­ti­nen­tal­macht soll ver­hin­dert, ja, selb­st der Gedanke an sie soll im Keim erstickt wer­den. Dabei ist die herrschende Poli­tik, sind die mei­n­ungs­machen­den Medi­en nicht Opfer, die von mächti­gen US-Inter­essen bevor­mundet wer­den, sie sind (auch) selb­st Täterin­nen und Täter.

5. Krieg der Worte

Worte gehen Tat­en voraus. Guck­en wir uns das an am Beispiel des „Falls Nawal­ny“ an: Wenige Tage, nach­dem der kranke Nawal­ny in der Char­ité angekom­men war, informierte Bun­deskan­z­lerin Merkel auf dürftiger Fak­ten­lage ihre europäis­chen und atlantis­chen Part­ner über einen „ver­sucht­en Gift­mord” und sie kan­nte auch gle­ich das Motiv: „Er sollte zum Schweigen gebracht wer­den.”[1]

Welche Sprache hinge­gen der Präsi­dent der Rus­sis­chen Föder­a­tion, Wladimir Putin, ver­ste­ht, wusste der sich als Her­ren­men­sch auf­führende Nor­bert Röttgen ganz genau: „Es gibt nur eine Sprache, die Putin ver­ste­ht: Gas und Geld.“[2] Deshalb müsse jet­zt der Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 gestoppt wer­den. Der CDU-Mann Röttgen ist nicht nur Vor­sitzen­der des Auswär­ti­gen Auss­chuss­es des Bun­destages, son­dern auch stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der der Atlantik-Brücke.

Einen „Mord­ver­such“ mit ein­er „chemis­chen Waffe“ sah die FAZ[3]. Für die Süd­deutsche Zeitung kon­nte es „keinen ern­sthaften Zweifel“ daran geben, dass Nawal­ny Opfer der Staats­macht gewor­den sei, deshalb sei eine „tiefe Zäsur im Ver­hält­nis zu Rus­s­land“ geboten, im Klar­text: „Wer von der ver­brecherischen Natur des Sys­tems Putin überzeugt ist, wird dort nicht mehr suchen kön­nen, was dort nicht zu find­en ist: einen Part­ner“.[4]

Wenn Rus­s­land nicht mehr „Part­ner“ sein kann, dann wird das Land zum Feind. Von diesem Makel ist dann nicht nur die Poli­tik des Feind­lan­des geze­ich­net, auch Gegen­stände, Dinge, Waren, die von dort kom­men. So schrieb die Welt über den Impf­stoff Sput­nik V: Auch wenn ein rus­sis­ches Pro­dukt im inter­na­tionalen Wet­tbe­werb mithal­ten kann, der Stem­pel des Rus­sis­chen ist und bleibt ein Makel.“ (4.11.2020; S. 10).

Hal­ten wir nur einen Moment inne und über­prüfen, was die Springer-Zeitung schrieb, indem wir nur „rus­sisch“ gegen „israelisch“ aus­tauschen: „Auch wenn ein israelis­ches Pro­dukt im inter­na­tionalen Wet­tbe­werb mithal­ten kann, der Stem­pel des Israelis­chen ist und bleibt ein Makel.“ Das ist der Fall ins Boden­lose. Unter nor­malen Bedin­gun­gen würde der Redak­teur, der so etwas schreibt, mit Schimpf und Schande ent­lassen und der Chefredak­teur in die Wüste geschickt. Doch zum Feind­bild Rus­s­land scheint inzwis­chen alles erlaubt.

Feind­bilder vernebeln das Hirn; wir treten ihnen ent­ge­gen, denn Frieden braucht klare Sicht und einen wachen Verstand.

6. Krieg der Wirtschaft

Wohin man schaut: Sank­tio­nen gegen Rus­s­land! Sank­tio­nen der Europäis­chen Union, der USA, Sank­tio­nen einzel­ner Län­der wie Nor­we­gen oder Aus­tralien wegen der Krim, wegen Manöver auf rus­sis­chem Boden, wegen Räu­ber­pis­tolen von Wahlfälschun­gen, wegen Nawal­ny … Ein­mal im Aggres­sion­s­modus, find­en sich immer Gründe.

Dabei sind Sank­tio­nen im inter­na­tionalen Recht dem Sicher­heit­srat der Vere­in­ten Natio­nen vor­be­hal­ten. Die Grund­lage für Sank­tio­nen ste­hen im Kapi­tel VII. der UNO-Char­ta, das sich mit „Maß­nah­men bei Bedro­hung oder Bruch des Friedens und bei Angriff­shand­lun­gen befasst.“ Ist nach dem Urteil des Sicher­heit­srats der Friede bedro­ht oder gebrochen, kann er nach Artikel 41 der Char­ta „die voll­ständi­ge oder teil­weise Unter­brechung der Wirtschafts­beziehun­gen, des Eisenbahn‑, See- und Luftverkehrs, der Post‑, Telegraphen- und Funkverbindun­gen […] und den Abbruch der diplo­ma­tis­chen Beziehun­gen“[5] beschließen. Soll­ten sich diese Sank­tio­nen als unwirk­sam erweisen, so kann der Sicher­heit­srat (nach Artikel 42) „mit Luft‑, See- oder Land­stre­itkräften die zur Wahrung oder Wieder­her­stel­lung des Welt­friedens und der inter­na­tionalen Sicher­heit erforder­lichen Maß­nah­men durch­führen.“ Das sind die soge­nan­nten „friedenserzwin­gen­den Maß­nah­men“. Völk­er­rechtlich sind Sank­tio­nen somit das let­zte nicht-mil­itärische Mit­tel, bevor See‑, Land- oder Luft­stre­itkräfte in Aktion treten kön­nen, dür­fen oder müssen.

Der Wild­wuchs, nach dem die west­liche Wertege­mein­schaft derzeit Sank­tio­nen ver­hängt, ver­hin­dert keine Kriege. Die Sank­tion­sspi­rale dreht sich vielmehr immer schneller. Sank­tio­nen sind zum Teil von Kriegs­führung gewor­den. Und sie töten im ver­meintlichen Frieden.

Das von der UN ver­hängte zwölf Jahre dauernde Embar­go gegen den Irak z. B. bewirk­te einen Zusam­men­bruch der Wirtschaft und in dessen Folge des Sozial- und Gesund­heitssys­tems. Ähn­lich sieht es inzwis­chen in Syrien aus. Im Ergeb­nis der Sank­tio­nen von EU und USA ist das ehe­mals beste Gesund­heitswe­sen der Region kol­la­biert, und weil das Gebi­et, das von der Regierung kon­trol­liert wird, von human­itär­er Hil­fe abgeschnit­ten ist, kommt zu allem Elend auch noch der Hunger dazu. Wer denkt da nicht an Leningrad?

Diese Meth­o­d­en von Kriegs­führung ver­di­enen nur Abscheu und Ver­ach­tung für jene Regierun­gen, die sie ein­set­zen bzw. bil­li­gend in Kauf nehmen. Das Sank­tion­sregime muss sofort been­det werden.

7. Nord Stream 2

Aktuell spitzt sich alles auf Nord Stream 2 zu. Die USA scheinen wild entschlossen die Pipeline zu ver­hin­dern. Eine Pipeline ist ja ein Band, das etwas verbindet. Doch aus Sicht der USA darf es kein Band zwis­chen Rus­s­land und Deutsch­land geben. Es muss gekappt wer­den, durchgeschnit­ten. Das Ziel eines tren­nen­den Prell­bocks aus einzel­nen kleineren Län­dern zwis­chen Deutsch­land und Rus­s­land hat­ten schon die Briten ver­fol­gt, als sie noch ein großes Imperi­um anführten. Diesen Gür­tel nan­nten sie „Inter­mar­i­um“, er sollte von der Ost­see bis zum Schwarzen Meer reichen. Die US-Amerikan­er haben sich diese Konzep­tion anverwandelt.

Und wieder ein­mal, wie nach Ende des II. Weltkrieges, muss sich die deutsche Poli­tik entschei­den: US-Inter­essen fol­gen oder gute Nach­barschaft mit Rus­s­land für einen Kon­ti­nent des Friedens und der Zusam­me­nar­beit. Ich fürchte, das wird schlecht aus­ge­hen. Auch mit Blick auf die Bun­destagswahlen, in der die Grü­nen so oder so eine wichtige, möglicher­weise entschei­dende Rolle spie­len wer­den. In ihrem Wahl­pro­gramm ste­ht, sie wollen die transat­lantis­che Part­ner­schaft mit den USA erneuern und fes­ti­gen zur Stärkung der Men­schen­rechte in der Welt. Zu Rus­s­land schreiben sie zwei Sätze: die Oppo­si­tion unter­stützen, Nord Stream 2 verhindern.

An dieser Stelle kann es sin­nvoll sein, sich die Inter­essen anzuschauen, die die USA mit Nord Stream 2 verbinden. Natür­lich geht es, das wird auch schon mal erwäh­nt, um Prof­it, den US-Fir­men mit ihrem teuren und umweltschädlichen Frack­ing-Gas ein­fahren wollen. Es steckt aber noch mehr dahinter.

Der US-Regierung geht es darum, exter­ri­to­r­i­al Recht zu set­zen. Zu Nord Stream 2 hat ja der Kongress das Gesetz zur Sicherung der Energiesicher­heit Europas beschlossen. Sein Kern: Ver­hin­derung von Erdgasliefer­un­gen aus Rus­s­land (wegen „Abhängigkeit“), Ver­hin­derung von Nord Stream 2; alle Fir­men, die sich am Bau und Betrieb der Pipeline beteili­gen, wer­den auf das Schw­er­ste sank­tion­iert, ihr Ver­mö­gen beschlagnahmt, aus dem inter­na­tionalen Zahlungsverkehr aus­geschlossen … die ganze Palette.

Hinzu kommt: Die USA kön­nen nicht vorschreiben, in welch­er Währung das Gas bezahlt wird, das durch Nord Stream 2 fließt: Etwa in Euro? In Rubel? Die US-Eliten in Poli­tik und Wirtschaft set­zen alles daran, den Dol­lar als Welt­geld zu erhal­ten. Solange der inter­na­tionale Han­del größ­ten­teils in Dol­lar abgewick­elt wird, müssen die nationalen Noten­banken große Dol­lar­reser­ven hal­ten, die US-Noten­bank hinge­gen kann beliebig viel Geld druck­en. Dadurch entste­ht natür­lich Infla­tion. Die leit­en sie weit­er in die Welt – genau­so, wie ihre irrwitzi­gen Rüs­tungskosten. Dieser Punkt ist den USA sehr ernst, darauf stützt sich ihr derzeit­iges Wirtschaften. Was mit Natio­nen passiert, die sich weigern, die Dol­lar-Hege­monie zu akzep­tieren, haben wir am Schick­sal des Irak gese­hen, von Libyen, Iran, Venezuela, Syrien …

Wir unter­stützen alle, die aus diesem Kreis­lauf aus­brechen – uns selb­st inbegriffen!

8. Wenn US-Präsidenten über andere reden

US-Präsi­den­ten äußern sich manch­mal über „Kol­le­gen“ rüpel­haft, von oben herab. Ich habe das überprüft:

1999 Jim­my Carter: „Miloše­vić sollte keinen Fehler machen“. Und er rief ihm zu: „Pass auf Dich auf!“ Es fol­gten die Bomben auf Belgrad.

2003 George W. Bush: „All die Jahrzehnte aus­gemachter Grausamkeit­en haben nun ein Ende. Sad­dam und seine Söhne müssen inner­halb von 48 Stun­den den Irak ver­lassen.“ Es fol­gte der Krieg, der das Land zer­störte und zer­rüt­tete. Frieden herrscht dort bis heute nicht.

2011 Barack Oba­ma: „Jahrzehn­te­lang hat das Gaddafi-Regime das libysche Volk mit eis­ern­er Faust regiert. Grundle­gende Men­schen­rechte wur­den verneint … der libysche Reich­tum wurde gestohlen.“ Es fol­gte der Bomben­hagel und Feldzug, der ein Land hin­ter­ließ, das am Boden liegt und dessen Reich­tum nun andere klauen.

2020 Joe Biden: „Putin ist ein Killer.“ Er hat nicht Mörder gesagt, son­dern Killer. Ein Killer han­delt niederträchtig.

Joe Biden läutet die Alarm­stufe Rot ein. Solche Äußerun­gen sind nicht nur unendlich dumm und durch und durch abstoßend, sie sind kreuzge­fährlich. Wir dür­fen uns mit diese US-Präsi­den­ten, mit dieser Poli­tik nicht gemein machen. Die Bun­desre­pub­lik muss endlich sou­verän handeln!

9. 8. Mai: Feiertag

Bun­de­spräsi­dent Richard von Weizsäck­er (CDU) hat am 9. Mai 1985 erst­mals offiziell die west­deutsche Nachkriegs­geschichte vom Kopf auf die Füße gestellt, als er statt von „Nieder­lage“ im 2. Weltkrieg endlich von „Befreiung“ sprach. Dafür haben namentlich die Men­schen in der Sow­je­tu­nion und die Sol­datin­nen und Sol­dat­en der Roten Armee aller­größte Opfer gebracht.

Wie muss es in Moskau gewirkt haben, als am 9. Mai 2015, dem 70. Jahrestag des Sieges über den Hitler­faschis­mus, die Bun­deskan­z­lerin die Ein­ladung auss­chlug und nicht nach Moskau reiste und die dama­lige Kriegsmin­is­terin, heute Präsi­dentin der EU-Kom­mis­sion, Ursu­la von der Leyen, unter dem Mot­to „alles Walz­er“ zu einem Ball des Heeres in Berlin einlud.

Doch es ging noch schlim­mer. Für den 75. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 2020 planten Bun­desregierung und Bun­de­sprä­sidi­alamt irgen­det­was mit öku­menis­chem Gottes­di­enst, Kranznieder­legung, Rede im Bun­destag; die Bun­deskan­z­lerin ließ wis­sen, dass sie zwar eine Ein­ladung zu den Feier­lichkeit­en am 9. Mai nach Moskau erhal­ten habe diese aber noch prüfe. Nur Dank Coro­na blieben uns weit­ere Pein­lichkeit­en erspart. Offen­sichtlich haben diese Damen und Her­ren vergessen, dass Deutsch­land als Ans­tifterin des Zweit­en Weltkrieges mehr als 18 Mil­lio­nen Män­ner mobil­isiert hat­te, die dann plün­dernd und zer­störend über Europa herge­fall­en waren

Alle 10 Jahre gibt es im Bun­destag ein Gedenken zum „Jahrestag des Endes des II. Weltkrieges“. Mit Ester Bejara­no fordern wir, der 8. Mai muss endlich der Feiertag zur Befreiung vom Faschis­mus wer­den! Dann feiern wir ein großes Fest mit Russin­nen und Englän­dern, Französin­nen und US-Amerikan­ern, mit Chi­nesin­nen und Spaniern, mit Äthiopierin­nen und Griechen … mit allen, die unter Krieg und Faschis­mus so sehr gelit­ten und zur Befreiung Deutsch­lands und Europas vom Faschis­mus beige­tra­gen haben. Das wird ein Fest des Friedens, der Lebens­freude und der Dankbarkeit. Darauf freue ich mich.


[1] Merkel: Nawal­ny sollte zum Schwiegen gebracht wer­den. Süd­deutsche Zeitung v. 02.09.2020: https://www.sueddeutsche.de/panorama/kriminalitaet-berlin-merkel-nawalny-sollte-zum-schweigen-gebracht-werden-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101–200902-99–406761. Zugriff: 14.10.2020

[2] Nor­bert Röttgen im Inter­view, „Es gibt nur eine Sprache, die Putin ver­ste­ht“, FAZ v. 03.09.2020: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/roettgen-putin-versteht-nur-eine-sprache-geld-und-gas-16936642.html. Zugriff: 14.10.2020.

[3] Peter Sturm, Es war ein Mord­ver­such, FAZ v. 02.09.2020.

[4] Daniel Brössler, Berlin kann sich nicht mehr mit bloßer Kri­tik beg­nü­gen, Süd­deutsche Zeitung v.2.09.2020:  https://www.sueddeutsche.de/politik/nawalny-bundesregierung-kommentar‑1.5019095. Zugriff: 14.10.2020.

[5] Char­ta der Vere­in­ten Natio­nen (unic.org)

5 Kommentare

  1. hanns graaf

    Der 8. Mai ist tat­säch­lich ein Tag der Befreiung vom Faschis­mus und ein Anlass zum Feiern. Doch er ist auch ein Tag des Sieges zweier kon­ter­rev­o­lu­tionär­er Sys­teme: des demokratis­chen Impe­ri­al­is­mus im West­en und des Stal­in­is­mus im Osten. Let­zter­er hat dort den wirk­lichen Sozial­is­mus, die Rät­edemokratie usw. ver­hin­dert und ein staatskap­i­tal­is­tis­ches Sys­tem durchge­set­zt. Bei aller Freude über die Befreiung darf das nicht unter den Tisch fallen.

    • Anonymous

      Kon­ter­rev­o­lu­tionär seit Chr­uschtschows Putsch gegen den Kurs Stal­ins und sein­er Restau­ra­tion des Kap­i­tal­is­mus, dann abgeschlossen von Gor­bi und Jelzin. Den Partei­bonzen waren Stal­ins demokratis­che Refor­men ein Dorn im Auge, lei­der kon­nte er sich nicht durchsetzen.

      • hanns graaf

        Welche demokratis­chen Refor­men Stal­ins? Welche UdSSR ken­nen Sie?!

        • Armand de Kneifel

          Zum besseren Ver­ständ­nis gegen per­ma­nen­ten Revan­chis­mus, kryp­tis­chen Faschis­mus, reak­tionäres Denken und klein­bürg­er­lichen Chau­vin­is­mus bzw. dialek­tis­che Ver­dum­mung in mod­er­nen Zeit­en hier einige wichtige Daten.

          1 – Ludo Martens: Stal­in anders betrachtet
          2 – Domeni­co Losur­do: His­to­ria y críti­ca de una leyen­da negra
          3 – Michael Kubi: Zur Geschichte der Sowjetunion
          4 – Thana­sis Spani­dis aus – Offen-sive (Frank Flegel) von 2018, Zeitschrift für Frieden
          und Sozialismus
          5 – Gesam­melte Werke von Stal­in 1 – 19
          6 – Grover Furr: Wait­ing for the truth
          7 – Ricar­do E. Rodriguez Sifres: Stal­in Insólito
          8 – Richard Koso­lapw, Wladimir Suchode­jew, Boris Solow­jew: Die Wahrheit über Stalin

    • Armand de Kneifel

      Lieber Zeitgenosse – lei­der bist Du nur sehr ober­fläch­lich im dialek­tisch mate­ri­al­is­tis­chen Sinn informiert oder wohl doch zu sehr im per­ma­nen­ten Main­stream-Revan­chis­mus gefan­gen. diese Art der bil­li­gen Anti­stal­in-Pro­pa­gan­da find­en wir bere­its bei Goebbels! Stal­in war zeit seines Lebens ein aufrechter Marx­ist gewe­sen. Bis 1953 hat­ten die trotzk­istis­chen Kon­ter­rev­o­lu­tionäre die rev­o­lu­tionären Errun­gen­schaften klan­des­tin bekämpft, was vor allem auch im Offizier­sputsch unter Tuchatsches­ki von 1937 gipfelte. Ab 1956 trat­en dann die Kon­ter­rev­o­lu­tionäre unter Chr­uschtschow zum offe­nen Gege­nan­griff über!

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