Rezension des Buches „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht

Rezension von Jan Müller
Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten, Frankfurt am Main, New York 2021.
  1. Einleitung
  2. Von der der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ zur Ein-Drittel-Gesellschaft
  3. Die Identitätspolitik
  4. Neoliberale Klimapolitik
  5. Kein rechter Zeitgeist
  6. Der innovationsfaule Kapitalismus
  7. Wagenknechts Alternativen

1. Einleitung

Sahra Wagenknecht möchte in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ erklären, warum sich linke Parteien wie SPD, Grüne und Linke auf die Seite der Gewinner der neoliberalen Globalisierung geschlagen haben, wobei sie die Arbeiter und kleinen Angestellten, ihre bisherige Klientel, verächtlich machen. Wagenknechts These lautet: Die linken Parteien vertreten heute die Interessen der akademischen gehobenen Mittelschicht. Sie bezeichnet diese als Linksliberale. Von anderen Autoren wird die Ideologie dieser Personengruppe linksneoliberal genannt. Dem entsprechen die sozialen Milieus der Bobos (Bourgeois-Bohemiens) und Hipster.

Bereits vor ihr haben Autoren wie Didier Eribon, Hans-Jürgen Bandelt, Hannes Hofbauer, Bernd Stegemann und Karl Kollmann die Entwicklung der Linken hin zum Linksneoliberalismus beschreiben oder zumindest einzelne Aspekte davon wie ihre Stellung zur Migration. Allerdings richtet sich Wagenknechts Buch an ein breites Publikum und ist bereits in der Spiegel-Bestsellerliste. Das heißt, diese fatale Entwicklung der Linken gerät nun in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit über 300 Seiten ist das Buch auch sehr ausführlich. In dieser Rezension können längst nicht alle Aspekte des Themas dargestellt werden.

Wagenknecht stellt auch Forderungen auf, mit denen das ehemalige Kernklientel von SPD und Linkspartei wieder für linke Politik gewonnen werden soll. So soll der Kapitalismus wieder innovativ und produktiv gemacht sowie Leistungsgerechtigkeit erreicht werden. Im Grunde genommen laufen ihre Vorstellungen darauf hinaus, die kapitalistischen Entwicklung auf dem Stand der 70er Jahren zu konservieren, was jedoch irreal ist.

In den Abschnitten 2 bis 6 werden die Thesen von Sahra Wagenknecht wiedergegeben, allerdings nicht der von ihr gewählten Reihenfolge.

2. Von der der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ zur Ein-Drittel-Gesellschaft

Wagenknecht gibt insbesondere im Kapitel 3 ihres Buches einen kurzen Abriss der gesellschaftlichen Entwicklung der alten BRD und des vereinigten Deutschlands von den 70er Jahren bis heute: In der alten Bundesrepublik war die Theorie der nivellierten Mittelstandsgesellschaft des Soziologen Helmut Schelsky weit verbreitet. Sie beschrieb zwar nicht vollständig die Wirklichkeit, aber immerhin gab es in den 70er Jahren noch einen großen Mittelstand, der von Facharbeitern bis zu Lehrern und anderen Beamten reichte.

Speziell die Industriearbeiter besaßen noch Klassenbewusstsein. Sie waren stolz auf die eigene Arbeit, die den materiellen Wohlstand produziert, auf den die gesamte Gesellschaft angewiesen ist. Und sie hatten es durch ihren Zusammenhalt und ihre Solidarität geschafft, ihren Interessen Geltung zu verschaffen: „Gegen das Management, gegen das Kapital und überhaupt gegen die da oben.“

Die nach den zweiten Weltkrieg erreichte soziale Sicherheit war für Arbeiter eine völlig neue Erfahrung: Die später vielgeschmähte Normalbiografie machte das Leben planbar, das Normalarbeitsverhältnis garantierte allmählich steigende Löhne und vielfach auch eine berechenbare Karriere.

Viele Arbeiter machten Aufstiegserfahrungen. Sie oder zumindest ihre Nachkommen qualifizierten sich zu Facharbeitern, Ingenieuren oder rückten in den stark ausgebauten Staatsapparat ein, zum Beispiel als Lehrer oder Verwaltungsangestellte.

Dies änderte sich grundlegend in den 70er Jahren mit der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus und mehr noch nach der Niederlage des Sozialismus im Jahr 1989. Die Industrie mit ihren gut bezahlten Arbeitsplätzen wanderte aus der BRD ab, die Einkommensverteilung verschob sich zugunsten der Kapitaleinkommen und den Gewerkschaften wurde das Rückgrat gebrochen. Es entstand ein riesiger Niedriglohnsektor aus schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs. Soziale Unsicherheit, befristete Jobs und Niedriglohn haben sich inzwischen auch tief in die Industrie hineingefressen. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA geht zurück und in Europa sind ähnliche Entwicklungen zu erwarten.

Diese Globalisierung ist Resultat sowohl des Aufkommens der Informationstechnologien wie auch politischer Weichenstellungen im Interesse des Kapitals. Ermöglicht wurde ihre rücksichtslose Durchsetzung durch den Sieg des Westens im Kalten Krieg 1989.

Die Globalisierung produzierte aber nicht nur Verlierer. Es entstand eine neue gutbezahlte akademisch gebildete Mittelschicht. Erst Globalisierung und Deregulierung schufen einen hohen Bedarf an Beratungs- und Finanzdienstleistungen. Die Austrocknung der Löhne im unteren und mittleren Segment machte Marketing für hochpreisige Produkte umso wichtiger. Insgesamt arbeiten in den westlichen Ländern zwischen 25 und 30 Prozent der Beschäftigten in den neuen Akademikerberufen. Diese neue akademische Mittelschicht unterscheidet sich durch ihre Ausbildung, ihr Tätigkeitsprofil, ihren Wohnort, aber auch in Habitus, Werten und Lebenseinstellung gravierend sowohl vom bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieu als auch von der Arbeiterschaft.

Während Arbeiter und klassische Mittelschicht heute eher in Kleinstädten, an den Rändern der Großstädte oder in den großen Industrierevieren wie dem Ruhrgebiet leben, bevorzugt die neue akademische Mittelschicht die kernsanierten Innenstadtviertel der Großstädte und hippe Universitätsstädte. Hier sind sie weitgehend unter sich, hohe Mieten sind ein Selektionsfaktor.

In der Wissensökonomie gibt es, außer an den Universitäten, keine Gewerkschaften, keine Entgeldtarife und kein geregeltes Einkommen. Verträge werden individuell ausgehandelt. Der berufliche Aufstieg hängt von Glück, Zufall und Beziehungen ab. Längst nicht alle Akademiker schaffen den Aufstieg in die Mittelschicht. Ein immer größerer Teil muss sich ebenfalls mit „Bullshit-Jobs“ abplagen.

Die noch in den 70er Jahren existierende breite Mittelschicht, die von der Arbeiterklasse bis zu Beschäftigten im Staatsapparat reichte, schrumpft. Während die einen nach unten gedrückt wurden, erlebten die anderen einen gesellschaftlichen Aufstieg. Auch die noch bestehende klassische Mittelschicht gerät unter Druck: Facharbeiter müssen um ihren Wohlstand weitaus stärker kämpfen als zuvor. Die Lebenshaltungskosten sind höher und sie sind ständig durch Betriebsschließungen und -verlagerungen bedroht.

Die tendenziell schrumpfende akademische Mittelschicht schottet sich nach unten ab. Zwar sind Abitur und Hochschulstudium kein Privileg der Wohlhabenden mehr. Aber Zugang zu wirklich attraktiven Berufen bekommt nur, wer zusätzlich fließend mehrere Fremdsprachen beherrscht, vor allem Englisch. Das aber kann man nicht in der Schule lernen, sondern nur mit langen Auslandsaufenthalten. Es sind aber fast nur wohlhabende Eltern, die ihren Kindern dies ermöglichen können.

Weitere Faktoren für eine Wiederkehr des Bildungsprivilegs sind unbezahlte Praktika, die weitaus bessere Schulausstattung in den Innenstadtvierteln und schließlich familiäre Vorteile. Nur wer bereits als Kind viel gereist ist, kennt ferne Länder und andere Kulturen und bringt somit den lässigen Gestus der Weltläufigkeit und kosmopolitischen Souveränität mit, der in diesen Kreisen so geschätzt wird.

3. Die Identitätspolitik

Nun soll die Ideologie dieser akademischen Mittelschicht betrachtet werden. Linksliberale behaupten, für Vielfalt, Weltoffenheit, Modernität, Klimaschutz, Liberalität und Toleranz zu stehen. Allem, was nach linksliberalem Verständnis rechts ist, wird hingegen der Kampf angesagt: Nationalismus, Rückwärtsgewandtheit, Provinzialität, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Islamophobie.

Dies ergibt sich aus der Identitätspolitik, dem Kernpunkt der linksliberalen Ideologie. Sie besteht nach Wagenknecht darin, dass Menschen sich als immer kleinere und skurrilere Minderheiten definieren, die von der Mehrheitsgesellschaft unterdrückt seien. Woraus sich der Anspruch ableitet, ein Opfer zu sein. Hierbei muss es sich allerdings um individuelle Merkmale wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe oder Ethnie handeln. Sozioökonomische Merkmale wie Armut zählen nicht. Wer ein Mann, weiß und hetero ist, kann seine „Opferrolle“ behelfsweise aus seinem Lebensstil ableiten, zum Beispiel als Veganer oder als Angehöriger einer Religion, die nur von Minderheiten vertreten wird.

Mitglieder einer Opfergruppe dürfen nicht kritisiert werden. „Das wird damit begründet, dass Mehrheitsmenschen sich per se nicht in das Innenleben und die Weltsicht einer Minderheit hineinversetzen können, weil sie lebenslang ganz andere Erfahrungen gemacht haben und daher zwischen ihrer Gefühlswelt und jener der diversen Minderheiten unüberwindbare Mauern existieren.“[1]

Solche Kritik gilt als Mikroaggression, die unbedingt zu vermeiden ist. Hintergrund sind die Theorien der französischen poststrukturalistischen Philosophen wie Lyotard und Foucault. Sie behaupten, dass es keine objektiven Realitäten gäbe, sondern nur durch Sprache geschaffene Diskurse. Deshalb sollten alle gesellschaftskritischen Wissensbestände dekonstruiert werden, die den Anspruch von Objektivität erheben. Hauptangriffsziel dieser Dekonstruktion ist der Marxismus, aber auch die Psychoanalyse und die Theorien des radikalen Feminismus.

Diese Identitätspolitik ist inzwischen von den Universitäten in Parteien, Bewegungen, Kultureinrichtungen und Medien eingesickert. Heute bestimmt diese Art des Denkens den öffentlichen Diskurs. Wer keiner anerkannten Minderheit angehört, muss seither tunlichst darauf achten, Fehltritte zu umschiffen. Hat man einmal nicht aufgepasst, helfen nur Selbstkritik und Buße.

Der Linksliberalismus fordert nicht etwa die rechtliche Gleichstellung von Minderheiten, sondern ihre dauerhafte Privilegierung. Dieser Ansatz negiert linke Vorstellungen. Die Linke ging davon aus, dass Menschen ein Recht auf gleiche Lebenschancen haben und diese nicht durch Elternhaus und Ethnie vorbestimmt sein sollten. Gleichheit vor dem Gesetz war nur ein erster, unzureichenden Schritt. Deshalb galt ihr Hauptinteresse sozioökonomischen Strukturen und der Eigentumsverteilung.

Die Identitätspolitik bläst nach Wagenknecht Unterschiede von Ethnien und Geschlechtern zu bombastischen Trennlinien auf, die weder durch Verständigung noch durch Empathie überbrückt werden können. Nicht die Gleichheit, sondern die Unterschiedlichkeit und Ungleichheit der Menschen wird damit zu einem Wert an sich, dem fortan durch Quoten und „Diversity“ Rechnung zu tragen ist. Die Identitätspolitik lenkt die Aufmerksamkeit weg von gesellschaftlichen Strukturen und Besitzverhältnissen und richtet sie auf individuelle Eigenschaften wie Ethnie, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung.[2]

Stand die traditionelle Linke in der Tradition der Aufklärung und setzte auf die Kraft rationaler Argumente, so behauptet die Identitätspolitik, dass eine rationale Debatte nicht möglich sei. Sie überhöht diffuse Empfindungen und mimosenhaftes Beleidigtsein.[3]

Dieser Ansatz führt dazu, dass das entscheidende Kriterium dafür, ob eine Institution progressiv oder rückschrittlich ist, die Vielfalt ihrer Mitglieder nach Ethnie, Geschlecht und sexuelle Orientierung ist. Dem Bundestag gehören heute zum Beispiel mehr Frauen, Schwule und Nachkommen von Einwanderern an als in den 70er Jahren. Aber es gibt kaum noch Abgeordnete, die aus der Arbeiterklasse oder dem Kleinbürgertum stammen. Er ist sozial deutlich homogener geworden.

Fazit: „Im Kern läuft die ganze Identitätsdebatte also darauf hinaus, dass sich Leute zum Sprecher einer Gruppe machen, deren weniger begünstigte Mitglieder eigentlich ganz andere Interessen haben und von ihnen gar nicht vertreten werden. […] Es gibt kein gemeinsames Interesse der Nachfahren von Einwanderern aus muslimischen Ländern oder der Homosexuellen oder gar der Frauen, das über die rechtliche Gleichstellung und generelle Nichtdiskriminierung hinausgeht.“[4]

Damit macht der Linksneoliberalismus eine Organisierung anhand von ökonomischen Kriterien unmöglich. Noch schlimmer: Irgendwann führt er bei Angehörigen der Mehrheit, z.B. den vielgeschmähten weißen, alten Männern zu dem Gefühl, die eigenen Interessen ihrerseits gegen die der Minderheiten behaupten zu müssen. Dies ist Wasser auf den Mühlen von rechten Parteien.

4. Neoliberale Klimapolitik

Dies zeigte sich nach Wagenknecht besonders deutlich bei den Fragen der Einwanderung und der Klimadebatte 2019. Letztere soll hier betrachtet werden.

Zwei Drittel der Teilnehmer der Fridays-for-Future-Bewegung rechnen sich in Befragungen selbst der oberen Mittelschicht zu. Es war eine Bewegung der Bessergestellten, die sich auf Gymnasien und Universitäten konzentrierte, aber an Haupt-, Real und Berufsschulen kaum stattfand.

Die Kälte und Gleichgültigkeit der Angehörigen dieser Bewegung gegenüber den Existenzängsten der weniger privilegierten Teile der Bevölkerung hat dem Klimaschutz insgesamt sehr geschadet. So Äußerungen, dass der kleinliche Kampf um Arbeitsplätze und Lebensstandard zurückstehen muss, wenn es um die Zukunft des Planeten geht. Die hypersensible Rücksichtnahme in Sprachfragen hindert die Linksneoliberalen nicht daran, das Feindbild der Boomer, der „weißen, alten Männer“, der zwischen 1945 und 1970 geborenen, offensiv zu pflegen. So wird eine ganze Generation für den Klimawandel verantwortlich gemacht, völlig egal, ob es sich um einen Kapitalisten handelt, der mit dem Privatjet um die Welt düst oder um einen einfachen Arbeiter.

Die neoliberale Klimabewegung Fridays for Future hat den Klimaschutz nicht etwa populärer gemacht, sondern er wird heute von weniger Menschen unterstützt als all die Jahre zuvor. „Die Menschen reagieren allergisch, wenn sie das Gefühl bekommen dass der Klimawandel nur ein Alibi ist, um ihr Heizöl, ihren Strom und ihren Sprit noch teurer zu machen. Auch sind sie es leid, von privilegierten Zeitgenossen für ihren Lebensstil – ihre Diesel-Autos, ihre Ölheizung oder ihr Aldi-Schnitzel – moralisch deklassiert zu werden. Und genau das war passiert: Fridays for Future und der linksliberale Mainstream hatten die Klimadebatte zu einer Lifestyle-Debatte gemacht und die Forderung nach einer CO2-Steuer in den Mittelpunkt gestellt.“[5]

Das Klimaschutzpaket belastet überproportional die ärmeren Teile der Gesellschaft sowie Menschen, die in ländlichen Regionen leben. Folgerichtig ist diese Mehrheit jetzt dagegen, die Fridays for Future-Bewegung weiterhin Einfluss auf die Politik hat.

5. Kein rechter Zeitgeist

Bisher gab es in den meisten westlichen Ländern keinen rechten Zeitgeist, legt Wagenknecht dar. Umfragen zeigen, dass die weit überwiegende Mehrheit die in den 70er Jahren stattgefundene sexuelle Liberalisierung befürwortet und nicht dahinter zurück will. Sie ist damit einverstanden, dass Homosexuelle und Menschen anderer Hautfarbe gleiche Rechte haben. Eine Mehrheit ist durchaus bereit, Flüchtlingen und Verfolgten zu helfen.

Aber sie fühlen sich zum Beispiel auf den Arm genommen, wenn Vertreter der Gender-Theorie behaupten, es gäbe keine biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau; sie wollen auch nicht von ihrer „heterosexuellen Matrix“ erlöst werden und auch nicht mit immer mehr Zuwanderern um Arbeitsplätze und Wohnungen konkurrieren. Die meisten Menschen lieben ihre Heimat und identifizieren sich mit ihrem Land. Sie wollen dafür nicht angefeindet oder moralisch herabgewürdigt werden.[6]

Der Zeitgeist ist nach Umfragen zu konkreten Themen ist sozialökonomisch links und kulturell liberal. Was es gibt, ist ein politischer Rechtstrend, der darin besteht, dass rechte Parteien stärker und einflussreicher werden. Das ist nicht unproblematisch und langfristig kann eine rechte Hegemonie entstehen, wenn angeblich linke Parteien die Bedürfnisse der Mehrheit weiterhin ignorieren.

6. Der innovationsfaule Kapitalismus

Der Kapitalismus ist nach Ansicht von Sahra Wagenknecht schon lange nicht mehr so produktiv und innovativ, wie er einmal war und wie es ihm immer noch zugeschrieben wird. Technischer Fortschritt ist in der Tat nur noch in wenigen Bereichen zu beobachten, zum Beispiel bei der künstlichen Intelligenz. Viele Produkte sind zwar vielleicht technisch raffinierter geworden, aber ihr Gebrauchswert ist häufig kleiner als noch vor zwanzig Jahren.[7]

Dies hängt damit zusammen, dass der Monopolsektor inzwischen sehr groß ist und es genügend andere Möglichkeiten zur Profitmaximierung gibt, wie Lohnsenkungen.

7. Wagenknechts Alternativen

Sahra Wagenknecht stellt im zweiten Teil des Buches ein Programm auf, mit dem die Linke wieder mehrheitsfähig werden soll. Sie bezeichnet es als linkskonservativ. Es besteht aus folgenden Komponenten:

  • Ein leistungsgerechter Sozialstaat. Wer mehr in die Sozialkassen eingezahlt hat, bekommt auch mehr zurück. Das bedeutet: Wiederherstellung der Arbeitslosenhilfe und der alten Rentenformel. Nur so ist der Sozialstaat auch für den Mittelstand wieder attraktiv.
  • Betriebe werden in „Leistungseigentum“ überführt. Das heißt, sie gehören nur noch sich selbst, aber keinem Konzern, keiner Bank oder Kapitalsammelstelle mehr.
  • Gesetzlich festgeschriebene Kreislaufwirtschaft mit kostengünstigen Ersatzteilen und Reparaturmöglichkeiten.
  • Geordnete Restrukturierung der Schulden. Die Staatsschulden müssen teilweise gestrichen werden.
  • Deglobalisierung
  • Daseinsvorsorge und Internetfirmen mit Netzwerkeffekten in öffentliche Hand.

Viele ihrer Forderungen sind sicherlich sinnvoll. Aber sie lassen sich nur gegen den erbitterten Widerstand der globalen Eliten durchsetzen. Man braucht wahrscheinlich nichts weniger als eine Revolution hierzu. Dann aber kann man den Kapitalismus auch gleich ganz abschaffen. Sahra Wagenknecht hat überzeugend dargelegt, dass diese Produktionsweise ihre historische Mission erfüllt hat und den Menschen keine Perspektive mehr bietet.

Konkurrenz führt früher oder später immer zum Monopol. Deshalb ist es langfristig unmöglich, zum Kapitalismus der freien Konkurrenz zurückzukehren oder ihn auf einer bestimmten Entwicklungsstufe wie den 70er Jahren festzuhalten. Im brutalen kapitalistischen Wettbewerb wird es immer Verlierer und Gewinner geben, also Firmen die bankrottgehen bzw. aufgekauft werden und solche, die erfolgreich sind und die Mittel haben, andere Firmen aufzukaufen. Das heißt, im Kapitalismus bilden sich Monopole immer wieder neu.

Sahra Wagenknecht will Leistungsgerechtigkeit. Bereits in den 70er Jahren gab es aber eine große Arbeitslosigkeit. Das heißt, selbst bei gutem Willen konnten längst nicht alle Menschen diese von ihr geforderte hohe Leistung erbringen. Mit der künstlichen Intelligenz und der Industrie 4.0 wird sich die Situation beträchtlich verschärfen. Dann wird nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Arbeitszeitverkürzung wäre ein Ausweg. Aber es ist im Kapitalismus unmöglich, weit unter den heutigen 8-Stunden-Tag zu gehen. Denn diese Produktionsweise lebt von der Aussaugung der menschlichen Arbeitskraft. Ein 4-Stunden-Tag oder weniger wäre erst im Sozialismus denkbar.

Der Kapitalismus soll wieder innovativ und produktiv werden. Die Autorin erhofft sich dadurch unter anderem, dass er eine neue Energiequelle jenseits von Wind- und Solarenergie aber auch jenseits der Kernenergie entdeckt, mit der der gegenwärtige Lebensstandard aufrechterhalten und verallgemeinert werden kann.

In bestimmten Epochen war der Kapitalismus tatsächlich sehr innovativ, wie Wagenknecht schreibt. Aber eine neue Grundkraft der Physik zu erfinden liegt wohl doch nicht in seiner Macht. Aufgrund von physikalischen Gesetzmäßigkeiten ist die Kernenergie (Atomspaltung und -fusion) wohl die einzige Energieform, die die fossilen Energien ersetzen kann.

Es stellt sich auch die Frage, ob nur Unternehmen Innovationen hervorbringen können. Die Geschichte spricht eher für das Gegenteil. So haben staatliche Forschungsinstitutionen das Internet entwickelt. Der US-Staat hat die Firmenforschung an integrierten Schaltkreisen stark subventioniert und zwar aus militärischen Gründen. Ohne diese Subventionen hätten diese Forschungen wahrscheinlich nicht stattgefunden. Firmen wie Intel sind gut darin, eine einmal eingeführte Technologie inkrementell weiterzuentwickeln. Sie scheuen aber vor völlig neuen Technologien zurück wegen der unkalkulierbaren finanziellen Risiken und weil sie dann große Investitionen abschreiben müssten.

In der Sowjetunion gab es die Institution des Experimental-Konstruktionsbüros. Diese Büros wurden von einem erfolgreichen Ingenieur geleitet und entwarfen Flugzeuge, Hubschrauber, Raketen, Triebwerke, U-Boote und Kerntechnik. Häufig standen sie dabei in Konkurrenz mit anderen Büros. In diesen Bereichen war die Sowjetunion mit an der Weltspitze. Wer die Innovation stärken will, sollte vielleicht hier weiterdenken und nicht auf Marktkonkurrenz setzen mit ihren unvermeidlichen Begleiterscheinungen wie Verschwendung, Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit.

Die Produktivität des Kapitalismus ist inzwischen dermaßen hoch, dass ihre weitere Steigerung im Augenblick wohl wirklich nicht das Hauptproblem darstellt.

Sahra Wagenknecht macht auch keinerlei Angaben, wie sie ihre Vorstellungen, ihre Zukunftsvisionen durchsetzen will. Trotz ihrer harten Kritik an der neoliberalen Identitätspolitik, die inzwischen in der Linken hegemonial geworden ist, kandidiert sie wieder für diese Partei. Sie hat sich auch durch rüde Beschimpfungen – durch hypersensible Identitätspolitikerinnen – auf dem Parteitag der Linken in NRW nicht davon abbringen lassen.[8]

Das Buch trägt sehr viel dazu bei, die aktuelle Situation zu verstehen, besonders warum die Linke neoliberal geworden ist und mit ihrer Identitätspolitik den Kapitalismus stützt. Wagenknechts Alternativen sind jedoch untauglich. Auf den Corona-Komplex und den Great Reset geht die Autorin überhaupt nicht ein.


Anmerkung: In dieser Rezension wird nach der E-Book-Ausgabe zitiert. Deshalb gibt es hier keine Seiten-, sondern nur Kapitalangaben.

[1] Kapitel: Anerkannte Opfergruppen

[2] Vgl. Kapitel: Ethnie statt Eigentumsverteilung

[3] Vgl. Kapitel: Mimosenhaftes Beleidigtsein

[4] Kapitel: Gruppensprecher ohne Mandat

[5] Kapitel: Klimawandel als Alibi

[6] Kapitel: Solide Liberal

[7] Kapitel: Warum der Kapitalismus innovationsfaul wurde

[8] https://de.rt.com/inland/115739-sahra-wagenknecht-wird-spitzenkandidatin-der-nrw-linken/

4 Kommentare

  1. hanns graaf

    Insgesamt eine gute Analyse und Kritik an Wagenknechts Buch. Das Problem bei ihr ist v.a., dass sie einer völlig reformistischen Denkweise und Programmatik anhängt. In Müllers Beitrag finde ich Abschnitt 6 sehr fraglich. Wenn er schreibt “ Der technische Fortschritt ist nur noch in ganz wenigen Bereichen zu beobachten“, dann geht das weit an der Realität vorbei.
    Auch seine Ausführungen zur Klimafrage sind zumindest inkonsequent. Es gibt zwar einen Klimawandel (und es gab ihn schon immer), doch ist dafür keinesfalls das CO2 hauptverantwortlich, sondern – wie schon immer – natürliche Faktoren. Die These von der drohenden Klimakatastrophe ist naturwissenschaftlicher Unfug und dient v.a. als Begründung für ein „grünes“ Konjunkturprogramm – auf Kosten der Massen. Das haben weltweit tausende Wissenschaftler, darunter viele Physik-Nobelpreisträger, bewiesen – nur wird das meist totgeschwiegen.

  2. Anonymous

    es ist wichtig, daß man als Linker zugesteht,
    daß in Deutschland die breite Masse in den 80ern und 90ern einen gewaltigen Wohlstandsschub erlebt hat

    das Warenangebot der Supermärkte war gigantisch, der Lebensraum war hochqualitativ, jeder konnte seine Individuaität ausleben, jeder konnte in den Urlaub

    seit den 0ern geht es aber bergab!
    (nur im Bereich Internet und Computer und Handy geht es noch bergauf)

    es werden nicht nur die alten Baustellen (Umbau zur Ökologische Marktwirtschaft, Niedergang der Geisteswissenschaften) nicht angegangen,
    sondern zusätzlich
    versiffen jetzt auch noch die Städte und es vergammeln die Freiflächen
    (aus geographischer Sicht verhalten sich die jeweiligen Regierungen wie ein Messi)

    der Grund hierfür ist die ökonomische Spekulation der Aktiengesellschaften,
    welche einer nachhaltige Nutzung entgegensteht (shareholder value)
    deren Hauptaktionäre bestimmen die Politik,
    indem sie die Regierungen erpressen, Amtsträger einkaufen, die Vierte Macht kontrollieren
    (im Schlepptau der Aktiengesellschaften stehen die Banken)

    so lassen sich die drei skandalösen Entscheidungen der Frau Merkel ganz einfach erklären

    1) unbegrenzte Flüchtlingsaufnahme, um die Lohnkosten zu senken und die Mieten anzuheben
    2) Euro-Rettung, um die Banken zu retten und europaweit eine alternative Wirtschaftsform ohne Aktiengesellschaften zu verhindern
    3) Corona-Einschränkungen, um die Bürger zu unterdrücken und so den Untergang der systemtragenden (neoliberalen) Parteien zu verhindern

    als Folge wird, wie bereits in England, die Mittelschicht langsam aufgerieben

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