Rezension des Buches „Die Selbstgerechten” von Sahra Wagenknecht

Rezension von Jan Müller
Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten, Frankfurt am Main, New York 2021.
  1. Einleitung
  2. Von der der „niv­el­lierten Mit­tel­stands­ge­sellschaft“ zur Ein-Drittel-Gesellschaft 
  3. Die Identitätspolitik
  4. Neolib­erale Klimapolitik
  5. Kein rechter Zeitgeist
  6. Der inno­va­tions­faule Kapitalismus
  7. Wagenknechts Alternativen

1. Einleitung

Sahra Wagenknecht möchte in ihrem Buch „Die Selb­st­gerecht­en“ erk­lären, warum sich linke Parteien wie SPD, Grüne und Linke auf die Seite der Gewin­ner der neolib­eralen Glob­al­isierung geschla­gen haben, wobei sie die Arbeit­er und kleinen Angestell­ten, ihre bish­erige Klien­tel, verächtlich machen. Wagenknechts These lautet: Die linken Parteien vertreten heute die Inter­essen der akademis­chen gehobe­nen Mit­telschicht. Sie beze­ich­net diese als Linkslib­erale. Von anderen Autoren wird die Ide­olo­gie dieser Per­so­n­en­gruppe links­ne­olib­er­al genan­nt. Dem entsprechen die sozialen Milieus der Bobos (Bour­geois-Bohemiens) und Hipster.

Bere­its vor ihr haben Autoren wie Didi­er Eri­bon, Hans-Jür­gen Ban­delt, Hannes Hof­bauer, Bernd Stege­mann und Karl Koll­mann die Entwick­lung der Linken hin zum Links­ne­olib­er­al­is­mus beschreiben oder zumin­d­est einzelne Aspek­te davon wie ihre Stel­lung zur Migra­tion. Allerd­ings richtet sich Wagenknechts Buch an ein bre­ites Pub­likum und ist bere­its in der Spiegel-Best­sellerliste. Das heißt, diese fatale Entwick­lung der Linken gerät nun in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit über 300 Seit­en ist das Buch auch sehr aus­führlich. In dieser Rezen­sion kön­nen längst nicht alle Aspek­te des The­mas dargestellt werden.

Wagenknecht stellt auch Forderun­gen auf, mit denen das ehe­ma­lige Kern­klien­tel von SPD und Linkspartei wieder für linke Poli­tik gewon­nen wer­den soll. So soll der Kap­i­tal­is­mus wieder inno­v­a­tiv und pro­duk­tiv gemacht sowie Leis­tungs­gerechtigkeit erre­icht wer­den. Im Grunde genom­men laufen ihre Vorstel­lun­gen darauf hin­aus, die kap­i­tal­is­tis­chen Entwick­lung auf dem Stand der 70er Jahren zu kon­servieren, was jedoch irre­al ist.

In den Abschnit­ten 2 bis 6 wer­den die The­sen von Sahra Wagenknecht wiedergegeben, allerd­ings nicht der von ihr gewählten Reihenfolge.

2. Von der der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ zur Ein-Drittel-Gesellschaft

Wagenknecht gibt ins­beson­dere im Kapi­tel 3 ihres Buch­es einen kurzen Abriss der gesellschaftlichen Entwick­lung der alten BRD und des vere­inigten Deutsch­lands von den 70er Jahren bis heute: In der alten Bun­desre­pub­lik war die The­o­rie der niv­el­lierten Mit­tel­stands­ge­sellschaft des Sozi­olo­gen Hel­mut Schel­sky weit ver­bre­it­et. Sie beschrieb zwar nicht voll­ständig die Wirk­lichkeit, aber immer­hin gab es in den 70er Jahren noch einen großen Mit­tel­stand, der von Fachar­beit­ern bis zu Lehrern und anderen Beamten reichte.

Speziell die Indus­triear­beit­er besaßen noch Klassen­be­wusst­sein. Sie waren stolz auf die eigene Arbeit, die den materiellen Wohl­stand pro­duziert, auf den die gesamte Gesellschaft angewiesen ist. Und sie hat­ten es durch ihren Zusam­men­halt und ihre Sol­i­dar­ität geschafft, ihren Inter­essen Gel­tung zu ver­schaf­fen: „Gegen das Man­age­ment, gegen das Kap­i­tal und über­haupt gegen die da oben.“

Die nach den zweit­en Weltkrieg erre­ichte soziale Sicher­heit war für Arbeit­er eine völ­lig neue Erfahrung: Die später vielgeschmähte Nor­mal­bi­ografie machte das Leben plan­bar, das Nor­malar­beitsver­hält­nis garantierte allmäh­lich steigende Löhne und vielfach auch eine berechen­bare Karriere.

Viele Arbeit­er macht­en Auf­stiegser­fahrun­gen. Sie oder zumin­d­est ihre Nachkom­men qual­i­fizierten sich zu Fachar­beit­ern, Inge­nieuren oder rück­ten in den stark aus­ge­baut­en Staat­sap­pa­rat ein, zum Beispiel als Lehrer oder Verwaltungsangestellte.

Dies änderte sich grundle­gend in den 70er Jahren mit der krisen­haften Entwick­lung des Kap­i­tal­is­mus und mehr noch nach der Nieder­lage des Sozial­is­mus im Jahr 1989. Die Indus­trie mit ihren gut bezahlten Arbeit­splätzen wan­derte aus der BRD ab, die Einkom­mensverteilung ver­schob sich zugun­sten der Kap­i­taleinkom­men und den Gew­erkschaften wurde das Rück­grat gebrochen. Es ent­stand ein riesiger Niedriglohnsek­tor aus schlecht bezahlten Dien­stleis­tungsjobs. Soziale Unsicher­heit, befris­tete Jobs und Niedriglohn haben sich inzwis­chen auch tief in die Indus­trie hineinge­fressen. Die durch­schnit­tliche Lebenser­wartung in den USA geht zurück und in Europa sind ähn­liche Entwick­lun­gen zu erwarten.

Diese Glob­al­isierung ist Resul­tat sowohl des Aufkom­mens der Infor­ma­tion­stech­nolo­gien wie auch poli­tis­ch­er Weichen­stel­lun­gen im Inter­esse des Kap­i­tals. Ermöglicht wurde ihre rück­sicht­slose Durch­set­zung durch den Sieg des West­ens im Kalten Krieg 1989.

Die Glob­al­isierung pro­duzierte aber nicht nur Ver­lier­er. Es ent­stand eine neue gut­bezahlte akademisch gebildete Mit­telschicht. Erst Glob­al­isierung und Dereg­ulierung schufen einen hohen Bedarf an Beratungs- und Finanz­di­en­stleis­tun­gen. Die Aus­trock­nung der Löhne im unteren und mit­tleren Seg­ment machte Mar­ket­ing für hoch­preisige Pro­duk­te umso wichtiger. Ins­ge­samt arbeit­en in den west­lichen Län­dern zwis­chen 25 und 30 Prozent der Beschäftigten in den neuen Akademiker­berufen. Diese neue akademis­che Mit­telschicht unter­schei­det sich durch ihre Aus­bil­dung, ihr Tätigkeit­spro­fil, ihren Wohnort, aber auch in Habi­tus, Werten und Leben­se­in­stel­lung gravierend sowohl vom bürg­er­lichen und klein­bürg­er­lichen Milieu als auch von der Arbeiterschaft.

Während Arbeit­er und klas­sis­che Mit­telschicht heute eher in Kle­in­städten, an den Rän­dern der Großstädte oder in den großen Indus­tri­ere­vieren wie dem Ruhrge­bi­et leben, bevorzugt die neue akademis­che Mit­telschicht die kern­sanierten Innen­stadtvier­tel der Großstädte und hippe Uni­ver­sitätsstädte. Hier sind sie weit­ge­hend unter sich, hohe Mieten sind ein Selektionsfaktor.

In der Wis­sensökonomie gibt es, außer an den Uni­ver­sitäten, keine Gew­erkschaften, keine Ent­geld­tar­ife und kein geregeltes Einkom­men. Verträge wer­den indi­vidu­ell aus­ge­han­delt. Der beru­fliche Auf­stieg hängt von Glück, Zufall und Beziehun­gen ab. Längst nicht alle Akademik­er schaf­fen den Auf­stieg in die Mit­telschicht. Ein immer größer­er Teil muss sich eben­falls mit „Bull­shit-Jobs“ abplagen.

Die noch in den 70er Jahren existierende bre­ite Mit­telschicht, die von der Arbeit­erk­lasse bis zu Beschäftigten im Staat­sap­pa­rat reichte, schrumpft. Während die einen nach unten gedrückt wur­den, erlebten die anderen einen gesellschaftlichen Auf­stieg. Auch die noch beste­hende klas­sis­che Mit­telschicht gerät unter Druck: Fachar­beit­er müssen um ihren Wohl­stand weitaus stärk­er kämpfen als zuvor. Die Leben­shal­tungskosten sind höher und sie sind ständig durch Betrieb­ss­chließun­gen und ‑ver­lagerun­gen bedroht.

Die ten­den­ziell schrumpfende akademis­che Mit­telschicht schot­tet sich nach unten ab. Zwar sind Abitur und Hochschul­studi­um kein Priv­i­leg der Wohlhaben­den mehr. Aber Zugang zu wirk­lich attrak­tiv­en Berufen bekommt nur, wer zusät­zlich fließend mehrere Fremd­sprachen beherrscht, vor allem Englisch. Das aber kann man nicht in der Schule ler­nen, son­dern nur mit lan­gen Aus­land­saufen­thal­ten. Es sind aber fast nur wohlhabende Eltern, die ihren Kindern dies ermöglichen können.

Weit­ere Fak­toren für eine Wiederkehr des Bil­dung­spriv­i­legs sind unbezahlte Prak­ti­ka, die weitaus bessere Schu­lausstat­tung in den Innen­stadtvierteln und schließlich famil­iäre Vorteile. Nur wer bere­its als Kind viel gereist ist, ken­nt ferne Län­der und andere Kul­turen und bringt somit den läs­si­gen Ges­tus der Weltläu­figkeit und kos­mopoli­tis­chen Sou­veränität mit, der in diesen Kreisen so geschätzt wird.

3. Die Identitätspolitik

Nun soll die Ide­olo­gie dieser akademis­chen Mit­telschicht betra­chtet wer­den. Linkslib­erale behaupten, für Vielfalt, Weltof­fen­heit, Moder­nität, Kli­maschutz, Lib­er­al­ität und Tol­er­anz zu ste­hen. Allem, was nach linkslib­eralem Ver­ständ­nis rechts ist, wird hinge­gen der Kampf ange­sagt: Nation­al­is­mus, Rück­wärts­ge­wandtheit, Prov­inzial­ität, Ras­sis­mus, Sex­is­mus, Homo­pho­bie, Islamophobie.

Dies ergibt sich aus der Iden­tität­spoli­tik, dem Kern­punkt der linkslib­eralen Ide­olo­gie. Sie beste­ht nach Wagenknecht darin, dass Men­schen sich als immer kleinere und skur­rilere Min­der­heit­en definieren, die von der Mehrheits­ge­sellschaft unter­drückt seien. Woraus sich der Anspruch ableit­et, ein Opfer zu sein. Hier­bei muss es sich allerd­ings um indi­vidu­elle Merk­male wie Geschlecht, sex­uelle Ori­en­tierung, Haut­farbe oder Eth­nie han­deln. Sozioökonomis­che Merk­male wie Armut zählen nicht. Wer ein Mann, weiß und het­ero ist, kann seine „Opfer­rolle“ behelf­sweise aus seinem Lebensstil ableit­en, zum Beispiel als Veg­an­er oder als Ange­höriger ein­er Reli­gion, die nur von Min­der­heit­en vertreten wird.

Mit­glieder ein­er Opfer­gruppe dür­fen nicht kri­tisiert wer­den. „Das wird damit begrün­det, dass Mehrheits­men­schen sich per se nicht in das Innen­leben und die Welt­sicht ein­er Min­der­heit hinein­ver­set­zen kön­nen, weil sie lebenslang ganz andere Erfahrun­gen gemacht haben und daher zwis­chen ihrer Gefühlswelt und jen­er der diversen Min­der­heit­en unüber­wind­bare Mauern existieren.“[1]

Solche Kri­tik gilt als Mikroag­gres­sion, die unbe­d­ingt zu ver­mei­den ist. Hin­ter­grund sind die The­o­rien der franzö­sis­chen post­struk­tu­ral­is­tis­chen Philosophen wie Lyotard und Fou­cault. Sie behaupten, dass es keine objek­tiv­en Real­itäten gäbe, son­dern nur durch Sprache geschaf­fene Diskurse. Deshalb soll­ten alle gesellschaft­skri­tis­chen Wis­sens­bestände dekon­stru­iert wer­den, die den Anspruch von Objek­tiv­ität erheben. Haup­tan­griff­sziel dieser Dekon­struk­tion ist der Marx­is­mus, aber auch die Psy­cho­analyse und die The­o­rien des radikalen Feminismus.

Diese Iden­tität­spoli­tik ist inzwis­chen von den Uni­ver­sitäten in Parteien, Bewe­gun­gen, Kul­turein­rich­tun­gen und Medi­en ein­gesick­ert. Heute bes­timmt diese Art des Denkens den öffentlichen Diskurs. Wer kein­er anerkan­nten Min­der­heit ange­hört, muss sei­ther tun­lichst darauf acht­en, Fehltritte zu umschif­f­en. Hat man ein­mal nicht aufgepasst, helfen nur Selb­stkri­tik und Buße.

Der Linkslib­er­al­is­mus fordert nicht etwa die rechtliche Gle­ich­stel­lung von Min­der­heit­en, son­dern ihre dauer­hafte Priv­i­legierung. Dieser Ansatz negiert linke Vorstel­lun­gen. Die Linke ging davon aus, dass Men­schen ein Recht auf gle­iche Leben­schan­cen haben und diese nicht durch Eltern­haus und Eth­nie vorbes­timmt sein soll­ten. Gle­ich­heit vor dem Gesetz war nur ein erster, unzure­ichen­den Schritt. Deshalb galt ihr Haupt­in­ter­esse sozioökonomis­chen Struk­turen und der Eigentumsverteilung.

Die Iden­tität­spoli­tik bläst nach Wagenknecht Unter­schiede von Eth­nien und Geschlechtern zu bom­bastis­chen Trennlin­ien auf, die wed­er durch Ver­ständi­gung noch durch Empathie über­brückt wer­den kön­nen. Nicht die Gle­ich­heit, son­dern die Unter­schiedlichkeit und Ungle­ich­heit der Men­schen wird damit zu einem Wert an sich, dem for­t­an durch Quoten und „Diver­si­ty“ Rech­nung zu tra­gen ist. Die Iden­tität­spoli­tik lenkt die Aufmerk­samkeit weg von gesellschaftlichen Struk­turen und Besitzver­hält­nis­sen und richtet sie auf indi­vidu­elle Eigen­schaften wie Eth­nie, Haut­farbe oder sex­uelle Ori­en­tierung.[2]

Stand die tra­di­tionelle Linke in der Tra­di­tion der Aufk­lärung und set­zte auf die Kraft ratio­naler Argu­mente, so behauptet die Iden­tität­spoli­tik, dass eine ratio­nale Debat­te nicht möglich sei. Sie über­höht dif­fuse Empfind­un­gen und mimosen­haftes Belei­digt­sein.[3]

Dieser Ansatz führt dazu, dass das entschei­dende Kri­teri­um dafür, ob eine Insti­tu­tion pro­gres­siv oder rückschrit­tlich ist, die Vielfalt ihrer Mit­glieder nach Eth­nie, Geschlecht und sex­uelle Ori­en­tierung ist. Dem Bun­destag gehören heute zum Beispiel mehr Frauen, Schwule und Nachkom­men von Ein­wan­der­ern an als in den 70er Jahren. Aber es gibt kaum noch Abge­ord­nete, die aus der Arbeit­erk­lasse oder dem Klein­bürg­er­tum stam­men. Er ist sozial deut­lich homo­gen­er geworden.

Faz­it: „Im Kern läuft die ganze Iden­titäts­de­bat­te also darauf hin­aus, dass sich Leute zum Sprech­er ein­er Gruppe machen, deren weniger begün­stigte Mit­glieder eigentlich ganz andere Inter­essen haben und von ihnen gar nicht vertreten wer­den. […] Es gibt kein gemein­sames Inter­esse der Nach­fahren von Ein­wan­der­ern aus mus­lim­is­chen Län­dern oder der Homo­sex­uellen oder gar der Frauen, das über die rechtliche Gle­ich­stel­lung und generelle Nicht­diskri­m­inierung hin­aus­ge­ht.“[4]

Damit macht der Links­ne­olib­er­al­is­mus eine Organ­isierung anhand von ökonomis­chen Kri­te­rien unmöglich. Noch schlim­mer: Irgend­wann führt er bei Ange­höri­gen der Mehrheit, z.B. den vielgeschmäht­en weißen, alten Män­nern zu dem Gefühl, die eige­nen Inter­essen ihrer­seits gegen die der Min­der­heit­en behaupten zu müssen. Dies ist Wass­er auf den Mühlen von recht­en Parteien.

4. Neoliberale Klimapolitik

Dies zeigte sich nach Wagenknecht beson­ders deut­lich bei den Fra­gen der Ein­wan­derung und der Kli­made­bat­te 2019. Let­ztere soll hier betra­chtet werden.

Zwei Drit­tel der Teil­nehmer der Fri­days-for-Future-Bewe­gung rech­nen sich in Befra­gun­gen selb­st der oberen Mit­telschicht zu. Es war eine Bewe­gung der Bessergestell­ten, die sich auf Gym­nasien und Uni­ver­sitäten konzen­tri­erte, aber an Haupt‑, Real und Beruf­ss­chulen kaum stattfand.

Die Kälte und Gle­ichgültigkeit der Ange­höri­gen dieser Bewe­gung gegenüber den Exis­ten­zäng­sten der weniger priv­i­legierten Teile der Bevölkerung hat dem Kli­maschutz ins­ge­samt sehr geschadet. So Äußerun­gen, dass der klein­liche Kampf um Arbeit­splätze und Lebens­stan­dard zurück­ste­hen muss, wenn es um die Zukun­ft des Plan­eten geht. Die hyper­sen­si­ble Rück­sicht­nahme in Sprach­fra­gen hin­dert die Links­ne­olib­eralen nicht daran, das Feind­bild der Boomer, der „weißen, alten Män­ner“, der zwis­chen 1945 und 1970 gebore­nen, offen­siv zu pfle­gen. So wird eine ganze Gen­er­a­tion für den Kli­mawan­del ver­ant­wortlich gemacht, völ­lig egal, ob es sich um einen Kap­i­tal­is­ten han­delt, der mit dem Pri­vat­jet um die Welt düst oder um einen ein­fachen Arbeiter.

Die neolib­erale Klimabe­we­gung Fri­days for Future hat den Kli­maschutz nicht etwa pop­ulär­er gemacht, son­dern er wird heute von weniger Men­schen unter­stützt als all die Jahre zuvor. „Die Men­schen reagieren aller­gisch, wenn sie das Gefühl bekom­men dass der Kli­mawan­del nur ein Ali­bi ist, um ihr Heizöl, ihren Strom und ihren Sprit noch teur­er zu machen. Auch sind sie es leid, von priv­i­legierten Zeitgenossen für ihren Lebensstil – ihre Diesel-Autos, ihre Ölheizung oder ihr Aldi-Schnitzel – moralisch deklassiert zu wer­den. Und genau das war passiert: Fri­days for Future und der linkslib­erale Main­stream hat­ten die Kli­made­bat­te zu ein­er Lifestyle-Debat­te gemacht und die Forderung nach ein­er CO2-Steuer in den Mit­telpunkt gestellt.“[5]

Das Kli­maschutz­paket belastet über­pro­por­tion­al die ärmeren Teile der Gesellschaft sowie Men­schen, die in ländlichen Regio­nen leben. Fol­gerichtig ist diese Mehrheit jet­zt dage­gen, die Fri­days for Future-Bewe­gung weit­er­hin Ein­fluss auf die Poli­tik hat.

5. Kein rechter Zeitgeist

Bish­er gab es in den meis­ten west­lichen Län­dern keinen recht­en Zeit­geist, legt Wagenknecht dar. Umfra­gen zeigen, dass die weit über­wiegende Mehrheit die in den 70er Jahren stattge­fun­dene sex­uelle Lib­er­al­isierung befür­wortet und nicht dahin­ter zurück will. Sie ist damit ein­ver­standen, dass Homo­sex­uelle und Men­schen ander­er Haut­farbe gle­iche Rechte haben. Eine Mehrheit ist dur­chaus bere­it, Flüchtlin­gen und Ver­fol­gten zu helfen.

Aber sie fühlen sich zum Beispiel auf den Arm genom­men, wenn Vertreter der Gen­der-The­o­rie behaupten, es gäbe keine biol­o­gis­chen Unter­schiede zwis­chen Mann und Frau; sie wollen auch nicht von ihrer „het­ero­sex­uellen Matrix“ erlöst wer­den und auch nicht mit immer mehr Zuwan­der­ern um Arbeit­splätze und Woh­nun­gen konkur­ri­eren. Die meis­ten Men­schen lieben ihre Heimat und iden­ti­fizieren sich mit ihrem Land. Sie wollen dafür nicht ange­fein­det oder moralisch her­abgewürdigt wer­den.[6]

Der Zeit­geist ist nach Umfra­gen zu konkreten The­men ist sozialökonomisch links und kul­turell lib­er­al. Was es gibt, ist ein poli­tis­ch­er Recht­strend, der darin beste­ht, dass rechte Parteien stärk­er und ein­flussre­ich­er wer­den. Das ist nicht unprob­lema­tisch und langfristig kann eine rechte Hege­monie entste­hen, wenn ange­blich linke Parteien die Bedürfnisse der Mehrheit weit­er­hin ignorieren.

6. Der innovationsfaule Kapitalismus

Der Kap­i­tal­is­mus ist nach Ansicht von Sahra Wagenknecht schon lange nicht mehr so pro­duk­tiv und inno­v­a­tiv, wie er ein­mal war und wie es ihm immer noch zugeschrieben wird. Tech­nis­ch­er Fortschritt ist in der Tat nur noch in weni­gen Bere­ichen zu beobacht­en, zum Beispiel bei der kün­stlichen Intel­li­genz. Viele Pro­duk­te sind zwar vielle­icht tech­nisch raf­finiert­er gewor­den, aber ihr Gebrauch­swert ist häu­fig klein­er als noch vor zwanzig Jahren.[7]

Dies hängt damit zusam­men, dass der Monopolsek­tor inzwis­chen sehr groß ist und es genü­gend andere Möglichkeit­en zur Prof­it­max­imierung gibt, wie Lohnsenkungen.

7. Wagenknechts Alternativen

Sahra Wagenknecht stellt im zweit­en Teil des Buch­es ein Pro­gramm auf, mit dem die Linke wieder mehrheits­fähig wer­den soll. Sie beze­ich­net es als linkskon­ser­v­a­tiv. Es beste­ht aus fol­gen­den Komponenten:

  • Ein leis­tungs­gerechter Sozial­staat. Wer mehr in die Sozialka­ssen eingezahlt hat, bekommt auch mehr zurück. Das bedeutet: Wieder­her­stel­lung der Arbeit­slosen­hil­fe und der alten Renten­formel. Nur so ist der Sozial­staat auch für den Mit­tel­stand wieder attraktiv.
  • Betriebe wer­den in „Leis­tung­seigen­tum“ über­führt. Das heißt, sie gehören nur noch sich selb­st, aber keinem Konz­ern, kein­er Bank oder Kap­i­tal­sam­mel­stelle mehr.
  • Geset­zlich fest­geschriebene Kreis­laufwirtschaft mit kostengün­sti­gen Ersatzteilen und Reparaturmöglichkeiten.
  • Geord­nete Restruk­turierung der Schulden. Die Staatss­chulden müssen teil­weise gestrichen werden.
  • Deglob­al­isierung
  • Daseinsvor­sorge und Inter­net­fir­men mit Net­zw­erk­ef­fek­ten in öffentliche Hand.

Viele ihrer Forderun­gen sind sicher­lich sin­nvoll. Aber sie lassen sich nur gegen den erbit­terten Wider­stand der glob­alen Eliten durch­set­zen. Man braucht wahrschein­lich nichts weniger als eine Rev­o­lu­tion hierzu. Dann aber kann man den Kap­i­tal­is­mus auch gle­ich ganz abschaf­fen. Sahra Wagenknecht hat überzeu­gend dargelegt, dass diese Pro­duk­tion­sweise ihre his­torische Mis­sion erfüllt hat und den Men­schen keine Per­spek­tive mehr bietet.

Konkur­renz führt früher oder später immer zum Monopol. Deshalb ist es langfristig unmöglich, zum Kap­i­tal­is­mus der freien Konkur­renz zurück­zukehren oder ihn auf ein­er bes­timmten Entwick­lungsstufe wie den 70er Jahren festzuhal­ten. Im bru­tal­en kap­i­tal­is­tis­chen Wet­tbe­werb wird es immer Ver­lier­er und Gewin­ner geben, also Fir­men die bankrottge­hen bzw. aufgekauft wer­den und solche, die erfol­gre­ich sind und die Mit­tel haben, andere Fir­men aufzukaufen. Das heißt, im Kap­i­tal­is­mus bilden sich Mono­pole immer wieder neu.

Sahra Wagenknecht will Leis­tungs­gerechtigkeit. Bere­its in den 70er Jahren gab es aber eine große Arbeit­slosigkeit. Das heißt, selb­st bei gutem Willen kon­nten längst nicht alle Men­schen diese von ihr geforderte hohe Leis­tung erbrin­gen. Mit der kün­stlichen Intel­li­genz und der Indus­trie 4.0 wird sich die Sit­u­a­tion beträchtlich ver­schär­fen. Dann wird nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung ein­er Erwerb­sar­beit nachge­hen kön­nen. Arbeit­szeitverkürzung wäre ein Ausweg. Aber es ist im Kap­i­tal­is­mus unmöglich, weit unter den heuti­gen 8‑S­tun­den-Tag zu gehen. Denn diese Pro­duk­tion­sweise lebt von der Aus­saugung der men­schlichen Arbeit­skraft. Ein 4‑S­tun­den-Tag oder weniger wäre erst im Sozial­is­mus denkbar.

Der Kap­i­tal­is­mus soll wieder inno­v­a­tiv und pro­duk­tiv wer­den. Die Autorin erhofft sich dadurch unter anderem, dass er eine neue Energiequelle jen­seits von Wind- und Solaren­ergie aber auch jen­seits der Kernen­ergie ent­deckt, mit der der gegen­wär­tige Lebens­stan­dard aufrechter­hal­ten und ver­all­ge­mein­ert wer­den kann.

In bes­timmten Epochen war der Kap­i­tal­is­mus tat­säch­lich sehr inno­v­a­tiv, wie Wagenknecht schreibt. Aber eine neue Grund­kraft der Physik zu erfind­en liegt wohl doch nicht in sein­er Macht. Auf­grund von physikalis­chen Geset­zmäßigkeit­en ist die Kernen­ergie (Atom­spal­tung und ‑fusion) wohl die einzige Energieform, die die fos­silen Energien erset­zen kann.

Es stellt sich auch die Frage, ob nur Unternehmen Inno­va­tio­nen her­vor­brin­gen kön­nen. Die Geschichte spricht eher für das Gegen­teil. So haben staatliche Forschungsin­sti­tu­tio­nen das Inter­net entwick­elt. Der US-Staat hat die Fir­men­forschung an inte­gri­erten Schaltkreisen stark sub­ven­tion­iert und zwar aus mil­itärischen Grün­den. Ohne diese Sub­ven­tio­nen hät­ten diese Forschun­gen wahrschein­lich nicht stattge­fun­den. Fir­men wie Intel sind gut darin, eine ein­mal einge­führte Tech­nolo­gie inkre­mentell weit­erzuen­twick­eln. Sie scheuen aber vor völ­lig neuen Tech­nolo­gien zurück wegen der unkalkulier­baren finanziellen Risiken und weil sie dann große Investi­tio­nen abschreiben müssten.

In der Sow­je­tu­nion gab es die Insti­tu­tion des Exper­i­men­tal-Kon­struk­tions­büros. Diese Büros wur­den von einem erfol­gre­ichen Inge­nieur geleit­et und ent­war­fen Flugzeuge, Hub­schrauber, Raketen, Trieb­w­erke, U‑Boote und Kern­tech­nik. Häu­fig standen sie dabei in Konkur­renz mit anderen Büros. In diesen Bere­ichen war die Sow­je­tu­nion mit an der Welt­spitze. Wer die Inno­va­tion stärken will, sollte vielle­icht hier wei­t­er­denken und nicht auf Mark­tkonkur­renz set­zen mit ihren unver­mei­dlichen Begleit­er­schei­n­un­gen wie Ver­schwen­dung, Wirtschaft­skrisen und Arbeitslosigkeit.

Die Pro­duk­tiv­ität des Kap­i­tal­is­mus ist inzwis­chen der­maßen hoch, dass ihre weit­ere Steigerung im Augen­blick wohl wirk­lich nicht das Haupt­prob­lem darstellt.

Sahra Wagenknecht macht auch kein­er­lei Angaben, wie sie ihre Vorstel­lun­gen, ihre Zukun­ftsvi­sio­nen durch­set­zen will. Trotz ihrer harten Kri­tik an der neolib­eralen Iden­tität­spoli­tik, die inzwis­chen in der Linken hege­mo­ni­al gewor­den ist, kan­di­diert sie wieder für diese Partei. Sie hat sich auch durch rüde Beschimp­fun­gen – durch hyper­sen­si­ble Iden­tität­spoli­tik­erin­nen – auf dem Parteitag der Linken in NRW nicht davon abbrin­gen lassen.[8]

Das Buch trägt sehr viel dazu bei, die aktuelle Sit­u­a­tion zu ver­ste­hen, beson­ders warum die Linke neolib­er­al gewor­den ist und mit ihrer Iden­tität­spoli­tik den Kap­i­tal­is­mus stützt. Wagenknechts Alter­na­tiv­en sind jedoch untauglich. Auf den Coro­na-Kom­plex und den Great Reset geht die Autorin über­haupt nicht ein.


Anmerkung: In dieser Rezen­sion wird nach der E‑Book-Aus­gabe zitiert. Deshalb gibt es hier keine Seiten‑, son­dern nur Kapitalangaben.

[1] Kapi­tel: Anerkan­nte Opfergruppen

[2] Vgl. Kapi­tel: Eth­nie statt Eigentumsverteilung

[3] Vgl. Kapi­tel: Mimosen­haftes Beleidigtsein

[4] Kapi­tel: Grup­pen­sprech­er ohne Mandat

[5] Kapi­tel: Kli­mawan­del als Alibi

[6] Kapi­tel: Solide Liberal

[7] Kapi­tel: Warum der Kap­i­tal­is­mus inno­va­tions­faul wurde

[8] https://de.rt.com/inland/115739-sahra-wagenknecht-wird-spitzenkandidatin-der-nrw-linken/

4 Kommentare

  1. hanns graaf

    Ins­ge­samt eine gute Analyse und Kri­tik an Wagenknechts Buch. Das Prob­lem bei ihr ist v.a., dass sie ein­er völ­lig reformistis­chen Denkweise und Pro­gram­matik anhängt. In Müllers Beitrag finde ich Abschnitt 6 sehr fraglich. Wenn er schreibt ” Der tech­nis­che Fortschritt ist nur noch in ganz weni­gen Bere­ichen zu beobacht­en”, dann geht das weit an der Real­ität vorbei.
    Auch seine Aus­führun­gen zur Kli­mafrage sind zumin­d­est inkon­se­quent. Es gibt zwar einen Kli­mawan­del (und es gab ihn schon immer), doch ist dafür keines­falls das CO2 hauptver­ant­wortlich, son­dern – wie schon immer – natür­liche Fak­toren. Die These von der dro­hen­den Kli­makatas­tro­phe ist natur­wis­senschaftlich­er Unfug und dient v.a. als Begrün­dung für ein „grünes” Kon­junk­tur­pro­gramm – auf Kosten der Massen. Das haben weltweit tausende Wis­senschaftler, darunter viele Physik-Nobel­preisträger, bewiesen – nur wird das meist totgeschwiegen.

  2. Anonymous

    es ist wichtig, daß man als Link­er zugesteht,
    daß in Deutsch­land die bre­ite Masse in den 80ern und 90ern einen gewalti­gen Wohl­standss­chub erlebt hat

    das Ware­nange­bot der Super­märk­te war gigan­tisch, der Leben­sraum war hochqual­i­ta­tiv, jed­er kon­nte seine Indi­vid­u­aität ausleben, jed­er kon­nte in den Urlaub

    seit den 0ern geht es aber bergab!
    (nur im Bere­ich Inter­net und Com­put­er und Handy geht es noch bergauf)

    es wer­den nicht nur die alten Baustellen (Umbau zur Ökol­o­gis­che Mark­twirtschaft, Nieder­gang der Geis­teswis­senschaften) nicht angegangen,
    son­dern zusätzlich
    ver­sif­f­en jet­zt auch noch die Städte und es vergam­meln die Freiflächen
    (aus geo­graphis­ch­er Sicht ver­hal­ten sich die jew­eili­gen Regierun­gen wie ein Messi)

    der Grund hier­für ist die ökonomis­che Speku­la­tion der Aktiengesellschaften,
    welche ein­er nach­haltige Nutzung ent­ge­gen­ste­ht (share­hold­er value)
    deren Haup­tak­tionäre bes­tim­men die Politik,
    indem sie die Regierun­gen erpressen, Amt­sträger einkaufen, die Vierte Macht kontrollieren
    (im Schlepp­tau der Aktienge­sellschaften ste­hen die Banken)

    so lassen sich die drei skan­dalösen Entschei­dun­gen der Frau Merkel ganz ein­fach erklären

    1) unbe­gren­zte Flüchtlingsauf­nahme, um die Lohnkosten zu senken und die Mieten anzuheben
    2) Euro-Ret­tung, um die Banken zu ret­ten und europaweit eine alter­na­tive Wirtschafts­form ohne Aktienge­sellschaften zu verhindern
    3) Coro­na-Ein­schränkun­gen, um die Bürg­er zu unter­drück­en und so den Unter­gang der sys­tem­tra­gen­den (neolib­eralen) Parteien zu verhindern

    als Folge wird, wie bere­its in Eng­land, die Mit­telschicht langsam aufgerieben

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