Intervenieren und nicht distanzieren

von Pedro Kreye

Ich wurde gebeten, einen Artikel zu dieser Formel zu schreiben, die ich mehrere Male schon in der inter­nen Diskus­sion der „Freien Linken“ vor­ge­tra­gen habe. Ich ver­suche mich präg­nant zu halten.

Die gesamte poli­tis­che Linke, wie auch immer man diesen Begriff fasst (objek­tiv ist er ohne­hin nicht), ist von einem wahren Dis­tanzierungswahn befall­en. Gegeneinan­der, untere­inan­der, in wach­sen­dem Maß bis in kle­in­ste Grup­pen hinein, und als „kollek­tive Linke“ (was immer das sein soll) gegen alle anderen, die sich nicht „links fühlen“.

Ich halte das aktuell unter anderem für das Werk unzäh­liger Zer­set­zung­sop­er­a­tio­nen nach der Art von „COINTELPRO“ (Pro­gramm des FBI von 1956 bis weit in die 80er Jahre gegen die dama­lige Linke, die Antikriegs­be­we­gung, der Black Pan­ther usw.), aber haus­gemachte Unarten gab es auch schon ger­ade in der deutschen Linken schon früher. Aber in den 70er Jahren waren die zer­split­terten linken Grup­pen wenig­stens bemüht, Herz und Kopf der Mehrheit der Bevölkerung (die mehrheitlich eine pro­le­tarische ist) zu erre­ichen, und punk­tuell (lokal) gelang das auch, etwa bei eini­gen Ereignis­sen im Rah­men der Anti-AKW-Bewe­gung. Daran erin­nere ich mich noch gut.

Die Unter­schei­dung von „links“ und „rechts“ stammt aus dem 19. Jahrhun­dert und beze­ich­nete die Sitzanord­nung von Repub­likan­ern links, kon­stu­tionellen Monar­chis­ten in der Mitte und reak­tionären Monar­chis­ten ganz rechts.

Danach hat sich einge­bürg­ert, Vertreter eines poli­tisch-sozialen Fortschritts als links zu beze­ich­nen und Vertreter ein­er Restau­ra­tion oder zumin­d­est Behar­rung als rechts.
Die Linke muss daher unbe­d­ingt eine Mehrheit der Bevölkerung gewin­nen. Mit Mehrheit der Bevölkerung meine ich keineswegs die „poli­tis­che Mitte“, die eine winzige Min­der­heit ist gegenüber ein­er Mehrheit von poli­tisch apathis­chen, neu­tralen oder gle­ichgülti­gen Men­schen, weil in ihrem alltäglichen Leben­skampf ver­wick­elt, mit Arbeit, Beziehun­gen usw.
Gewiss, das ist sehr unge­nau, und Marx­is­ten ziehen auch alle­mal klasse­n­an­a­lytis­che Begriffe vor.

Ich halte ganz intu­itiv „oben“ und „unten“ für wichtiger als „links/rechts“.

„Rechts“ und „links“ erweisen sich ger­ade heutzu­tage als Label, als Kle­bezettel, die man beliebig sich selb­st oder anderen anheften kann.

Ein (!) Gen­er­alfehler fast aller linken Strö­mungen der let­zten Jahrzehnte war der, dass sie ein sub-kul­turelles Ver­ständ­nis von „Links-Sein“ entwick­el­ten und diese Szene(n) mehr oder weniger vom Rest der Welt erwartete, dass man sich ihr kul­turell anpasst. Die Gen­derisierungskam­pagne war ein Gipfel davon und stieß in ein­er Mehrheit der Bevölkerung auf Ablehnung. Die „linke Szene“ wirk­te nach aussen aus mein­er Sicht mehr und mehr wie ein großes, belehren­des „Umerziehungslager“, denn als Botschafter ein­er neuen Gesellschaft.

In der Coro­na-Plan­demie kam das voll zum Aus­bruch und die herrschende Klasse kon­nte tat­säch­lich große Teile der „linken Szene“ für sich instru­men­tal­isieren, vor allem mit der schon leg­endären „Kon­tak­tschuld­hy­pothese“. Führe ich jet­zt nicht aus.

Ich halte nur fest: will eine Linke, gle­ich in welchem Zeital­ter, wirk­lich eine neue Gesellschaft her­beiführen, dann muss sie die Mehrheit der Gesellschaft von unten gegen oben gewin­nen für genau das Pro­jekt ein­er neuen, besseren Gesellschaft­sor­d­nung. Son­st, knapp gesagt, klappts ein­fach nicht. Sie muss also in sie inter­ve­nieren (also wörtlich: hineinge­hen) und darf sich nicht von ihr dis­tanzieren. Eine Linke, die das nicht tut, ver­liert ihren Sinn und ihren Zweck, und wenn man so will: ihre his­torische Mis­sion. Das sollte jed­er Men­sch, der sich „links“ denkt oder fühlt, ein­fach begreifen. Es ist im Grunde ganz einfach.

Und wir von der Freien Linken wollen das nicht: unsere his­torische Auf­gabe verfehlen.
Jeden­falls will ich das nicht.

Ich möchte jet­zt auf der poli­tis­chen Ebene auf meine immer wieder vor­ge­tra­gene Losung aufmerk­sam machen, die ich für eine ger­adezu strate­gis­che Losung halte und das ist:

Daseinsvor­sorge
gehört in öffentliche Hand
unter öffentliche Kontrolle

(ggfs erweit­ert durch)

In verge­sellschafteten Betrieben
wählen die Beschäftigten die Vorgesetzten

Ich habe bish­er nie­man­den gefun­den in der Diskus­sion in der Freien Linken, der dieser Losung expliz­it wider­spricht. Erstaunlicher­weise aber stim­men auch viele (kul­turell-poli­tisch) nicht-Linke dieser Losung spon­tan zu.

Also ist sie eine wirk­lich strate­gis­che Losung, mit der eine intel­li­gente Linke Men­schen gewin­nen kann, die sich ihrer­seits nicht als (kul­turell) Linke sehen.

Gle­ichzeit­ig konkretisiert diese Losung etwas, was ein Fun­da­ment wirk­lichen Sozial­is­mus sein muss und wird, ohne dass wir das Sozial­is­mus nen­nen MÜSSEN (ver­schweigen brauchen wir es auch nicht).

Denn klar unter­schei­det sich das von dem schein­baren „Sozial­is­mus“ der VEBs der DDR, wo die Beschäftigten eben nicht ihre Vorge­set­zten wählten, und auf gesamt­staatlich­er Ebene ihre Führung schon gar nicht.

Diese Losung bietet eine Menge Diskus­sion­sstoff mit ger­adezu ALLEN nicht-linken poli­tis­chen Lagern und Szenen

Ich stelle mir daher vor, diese Losung wie ein Mantra zu ver­wen­den, im besten Sinne.

Das Pro­le­tari­at (die Klasse der Arbeit­skraftverkäufer) stellt die große Mehrheit der Bevölkerung. Es ist sich aber sein­er Größe und sein­er Macht nicht bewusst. Noch weniger ist es sein­er gemein­samen Inter­essen bewusst. Das ist ein Prob­lem auf der sub­jek­tiv­en Ebene.
Gemein­samer Inter­essen wird sich ein über­wiegen­der Teil der Men­schen nicht durch intellek­tuelle Belehrun­gen bewusst, son­dern fast immer durch gemein­same Erfahrun­gen, gemein­same Erleb­nisse und vor allen durch gemein­sames Han­deln, durch die erlebte Solidarität.

Wer das nicht begreift, weiß nichts von realem Klassenkampf.

Das Pro­le­tari­at, so stark und mächtig let­zten Endes, ist aber zer­split­tert in unzäh­lige „soziokul­turelle Milieus“. Dieser Begriff wurde von der Sozi­olo­gie entwick­elt, um die Begriffe Klasse und Schicht abzulösen, was aber wis­senschaftlich nicht tragfähig ist. Hin­ter allen nur möglichen soziokul­turellen Milieus aber steck­en trotz­dem Schicht­en und let­ztlich zwei Hauptklassen.

Trotz­dem sind „soziokul­turelle Milieus“ eine psy­chis­che und sub­jek­tive Real­ität, geschuldet der Tat­sache, dass (nach Charles Fouri­er) let­ztlich der men­schliche Wun­sch nach Iden­tität (nach Unter­schiedlichkeit) allen Men­schen mehr oder weniger stark innewohnt.

Übri­gens ist auch die „linke Szene“ nur eine „Iden­titäts­ge­mein­schaft“ von vie­len, die ihrer­seits auch in hun­derte Sub-Iden­titäten zer­fällt (man muss sich schließlich immer wieder distanzieren…)

Eine wirk­liche Linke, die eine Bewe­gung für eine neue Gesellschaft in Gang zu brin­gen ver­mag, muss aber in der Lage sein, mit allen diesen „soziokul­turellen Milieus“ zu kom­mu­nizieren, und damit meine ich vor allem: gewin­nend zu kom­mu­nizieren. Und das bedeutet auch: ungeachtet weltan­schaulich­er Dif­feren­zen gemein­sam ent­lang der gemein­samen Inter­essen zur Aktion schreiten.

Ich komme zum The­ma zurück.

Ich sprach von inter­ve­nieren (=hineinge­hen), nicht distanzieren.

Hineinge­hen (in die gesamte maß­nah­mekri­tis­chen Bewe­gun­gen) bedeutet nicht mit leeren Hän­den hineinge­hen und sich darin auflösen. Wir kom­men mit einem Vorschlag, einem Ange­bot für zahllose Aktio­nen an den sozialen Bren­npunk­ten unser­er Gesellschaft, anwend­bar auf sie alle.

Gegen jede weit­ere Pri­vatisierung und Rekom­mu­nal­isierung der Kranken­häuser. Gegen die Pri­vatisierung von S‑Bahn und Nahverkehr. Gegen die Macht der Phar­ma- Rüs­tungs- und Finanzkonz­erne usw. Gegen Umweltzer­störung usw . Gegen Pri­vatisierung von Wohnraum.

Das alles bedeutet let­ztlich: fol­gende pos­i­tive Richtung

Daseinsvor­sorge
gehört in öffentliche Hand
unter öffentliche Kontrolle

Klar erfüllt sich diese Losung ein­fach dadurch dass sie vere­inzelt gefordert wird.

Klar wird keine Regierung so eine Forderung erfüllen.

Diese Vision wird sich erst erfüllen, wenn sich Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land über sie Gedanken machen, und wie sie erfüllt wer­den kann, wenn man sie schon als unter­stützenswert anerkan­nt hat. Aber diese Vision müssen wir offen­siv in die bre­ite Mehrheit der Gesellschaft tra­gen, damit sie die Köpfe und Herzen erfassen kann.

3 Kommentare

  1. Jonathan Ario

    Dieser Text spricht mir aus dem Herzen! Meine voll­ste Unterstützung!
    Wenn man wahrhaftige liebe empfind­et für die Unter­drück­ten und Aus­ge­beuteten, dann dis­tanziert man sich nicht in dekaden­ter Form wie der Adel vom Pöbel, son­dern man geht auf die Men­schen zu und hat eine ern­sthafte Kon­ver­sa­tion und wenn man das aus dem Herzen her­aus macht, dann spüren, dass die Menschen.
    Der Dis­tanzierungswahn ist in die größte Feigheit, man möchte nicht mit den „Schmud­delkindern” assozi­iert wer­den und bei den anderen schlecht da ste­hen. Man sorgt sich nur um seine eigene Eit­elkeit und Außen­darstel­lung, es ist symp­to­ma­tisch für die gesamte west­liche Linke, es ist pure Dekadenz. Jemand er sich ver­ant­wortlich fühlt jemand anderem zu helfen, dis­tanziert sich nicht, son­dern interveniert!

    • doppelplusgut

      Ich stimme Ihnen bei­den beim Großteil zu. Wichtig ist mir vor allem: Nicht die Bevölkerung muss sich der Linken anpassen, son­dern die Linke muss sich in das Volk hinein­begeben, offen für das Gedankengut der Men­schen sein – was nicht heißt, eigene Ansprüche oder Ansicht­en über Bord zu wer­fen. Die Linke muss organ­isch mit der Bevölkerung „verwach­sen”, statt in sub­kul­turellen Blasen zu existieren. Let­zteres führt zu Sek­tier­ertum, Dog­ma­tismus und Über­he­blichkeit gegenüber der Bevölkerung.

      Die Dis­tanzierung link­er Aktivis­ten gegenüber Protest­be­we­gun­gen, bei denen Rechte dabei gewe­sen sein sollen (Friedensmahnwachen/Aufstehen/die Anti-Coro­na-Maß­nah­men-Proteste), wieder­holt sich immer wieder. Nach mein­er Beobach­tung waren in diesen Bewe­gun­gen einzelne Recht­sori­en­tierte – wenn über­haupt – eher als Beobachter anwe­send oder woll­ten in Einzelfällen das von links geschaf­fene Vaku­um nutzen. Dahinge­hend hat der Spruch „rechts gewin­nt weil links ver­sagt” seine Berechtigung.
      Die poli­tis­che Linke lernt zum Großteil aus diesen Fehlern aber nicht.

      Das moralis­che Argu­men­tieren im Sinne poli­tis­ch­er Hygiene (sich von „Ver­schwörungs­the­o­rien” dis­tanzieren / nicht auf Demos mit rechter Beteili­gung, unab­hängig von Quan­tität und Qual­ität, anwe­send sein / nicht mit poli­tisch Ander­s­denk­enden disku­tieren wollen) zeigt große Über­schnei­dun­gen mit neu­ro­tis­chem Sauberkeitszwang.
      Degen­hardts „Spiel nicht mit den Schmud­delkindern!” müsste man noch hinzufü­gen: „Spreche nicht mit ihnen! Halte dich von ihnen fern!”

      Wenn Pedro Kreye vol­lkom­men berechtigt die Arbeit der „Sicher­heit­sor­gane” bzw. des „Tiefen Staates” wie COINTELPRO erwäh­nt, kann er sich gewiss sein, dass ihm in rel­e­van­ten Teilen der poli­tis­chen Linken nur Floskeln wie „Ver­schwörungs­the­o­retik­er”, „recht­es Geschwurbel” o.ä. ent­geg­net wird. Ich zwei­fle daran, dass solche Per­so­n­en wirk­lich willig gegenüber Erken­nt­nis­sen sind. Wenn man um die Exis­tenz solch­er Meth­o­d­en in ein­er „Demokratie” weiß, müsste man ja Kon­se­quen­zen daraus ziehen. Dann geschieht bei vie­len lieber die Ver­drän­gung solch­er Sachver­halte ins Unsagbare.

  2. Wolfgang Lange, Dr.

    lobo.
    De- Beitrag von Pedro Kreye möchte ich aus vollem Herzen und auf­grund mein­er poltischen Erfahrung voll zus­tim­men und deshalb auch auf Ergänzun­gen verzichten.
    Ja, es geht darum, die Zus­tim­mung der Men­schen zu gewin­nen. Begin­nen wir doch damit auf ganz ein­fache Art und Weise!
    Macht aus dem Beitrag eine Umfrage und schaut, wie viele Leser dem zustimmen!
    Damit wäre schon etwas anzufangen,

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