Freie Linke: Eine neue Chance?

von Hanns Graaf

Vorbe­merkung der Redak­tion: Gerne pub­lizieren wir Hanns Graafs Text als Gast- und Debat­ten­beitrag, zuerst erschienen auf https://aufruhrgebiet.de/, im Freien Funken und bedanken uns für die wohlwol­lende Kri­tik. Er drückt nicht unbe­d­ingt die Mei­n­ung der Redak­tion oder gar der FL aus,  Zwei Anmerkun­gen vorab:

1. Die FL dis­tanziert sich nicht von Quer­denken und der Demokratiebe­we­gung, son­dern respek­tiert deren uner­müdlichen Ein­satz für Grun­drechte und bürg­er­liche Frei­heit­en, während die Linke großteils kom­plett ver­sagt und geschlafen hat, hat die Demokratiebe­we­gung sich in die Bresche geschla­gen und somit auch indi­rekt die Inter­essen der Arbeit­erk­lasse vertei­digt. Die FL unter­schei­det sich von Quer­denken & Co, weil sie um die Falschheit des bürg­er­lichen und neolib­eralen Frei­heits­be­griffs weiß und für eine Welt frei von Aus­beu­tung und Kap­i­tal­is­mus ein­tritt, die pos­i­tive Ver­wirk­lichung von Frei­heit erst ermöglicht. Deshalb unter­schei­det sie sich vor allem hin­sichtlich ihres Insistierens auf sozialer Verbesserung der Lage der Lohn­ab­hängi­gen dieses Lan­des – also fast der gesamten Bevölkerung.

2. Die FL meint es ernst mit ihrem sicher­lich schw­er zu erfül­len­dem Anspruch, eine strö­mungsüber­greifende Linke sein zu wollen. Deshalb will sie, ganz wie der hiesige Artikel, an Aufk­lärung, Wis­senschaftlichkeit und Anti­dog­ma­tismus appel­lieren. Die Ver­wen­dung polemis­ch­er Invek­tive sollte daher zugun­sten ein­er sach­lichen Annäherung an gegen­wär­tige wie his­torische Prob­lemkom­plexe zurück­ste­hen. Dies gilt sowohl für die Auseinan­der­set­zun­gen zwis­chen Anar­chis­ten und Kom­mu­nis­ten, let­zteren und Sozialdemokrat­en als auch der oft unsach­lichen und lei­di­gen Debat­te zwis­chen Trotzk­isten und den soge­nan­nten „Stal­in­is­ten“, wie all­jene oft abfäl­lig beze­ich­net wer­den, die das dog­ma­tis­che „Anti-Stal­in-Par­a­dig­ma“ auch nur hinterfragen.

Kurzum: die Freie Linke will die alten Spalt­pilze im Wald­bo­den lassen und sich stattdessen gemein­sam aus­ge­hend von einem zweifel­sohne vorhan­de­nen und geteil­ten Grund­kon­sens gegen die Divi­sio­nen der inten­sivierten Kon­ter­rev­o­lu­tion stellen. Dazu braucht es die Ein­heit der Linken.

Selb­stre­dend kön­nen und sollen gewis­sen Dif­feren­zen nicht ver­wis­cht und mys­ti­fiziert wer­den, aber zurück­ste­hen soll­ten sie angesichts der gravieren­den Ereignisse und des Totalver­sagens der Linken im Klassenkampf. Es ist Zeit sich zu besin­nen und aus dem vielfälti­gen The­o­rie- und Erfahrungs­fun­dus divers­es­ter link­er Strö­mungen eine schlagkräftige Ein­heit zu schmieden.

Nur eines will sie ganz gewiss nicht: ein lock­downkri­tis­ch­er Zwill­ing der neolib­eralen Iden­tität­slinken sein.


Seit Jan­u­ar 2021 formiert sich eine neue linke Struk­tur: die „Freie Linke“ (FL). Sie vere­int Men­schen aus ver­schiede­nen linken Zusam­men­hän­gen und „indi­vidu­elle“ Linke, die diverse poli­tis­che Erfahrun­gen, Tra­di­tio­nen und „Ismen“ repräsen­tieren. Die FL ist – anders als früher die WASG oder Auf­ste­hen – kein reformistis­ches Top down-Pro­jekt von (Ex)FunktionärInnen aus SPD, Linkspartei oder DGB, son­dern eine linke Basisinitiative.

Obwohl der Grün­dungsaufruf (https://freie-linke.de/) link­er ist als die der WASG und von Auf­ste­hen und eine anti-kap­i­tal­is­tis­che Aus­rich­tung erken­nen lässt, ist er zugle­ich poli­tisch sehr ver­schwom­men. Das ist v.a. der poli­tis­chen Het­ero­gen­ität der Mit­stre­i­t­erIn­nen geschuldet, ändert aber nichts daran, dass eine poli­tisch-pro­gram­ma­tis­che Klärung unbe­d­ingt noch erfol­gen muss. Die FL ist nicht der erste Ver­such, die „radikale Linke“ zu ren­ovieren, ihre Zer­split­terung, ihre Mar­gin­al­ität und ihre the­o­retisch-pro­gram­ma­tis­chen Defizite (die let­ztlich die Ursache der Mis­ere sind) zu über­winden. Um dieser Auf­gabe gerecht zu wer­den, ist es notwendig, einen Blick zurück zu wer­fen, Erfahrun­gen mit ähn­lichen Pro­jek­ten zu betra­cht­en und sie für heute nutzbar zu machen.

Die Ini­tialzün­dung für die FL war die Coro­na-Frage. Im Unter­schied zum linken Main­stream, der – mehr oder weniger kri­tisch – die Merkelsche Lock­down­poli­tik befür­wortet, wen­det sich die FL gegen diese (let­ztlich für die „Virus-Bekämp­fung“ nahezu wirkungslose) Poli­tik und gegen die damit ver­bun­de­nen Ein­schränkun­gen des öffentlichen Lebens und der Demokratie. Sie kri­tisiert den Coro­na-Alarmis­mus von Poli­tik, Medi­en und bes­timmten Kreisen der „Wis­senschaft“. Ent­ge­gen diversen Vor­wür­fen dis­tanziert sich die FL aber klar von anderen „Coro­na-Kri­tik­ern“ bürg­er­lich­er Prove­nienz (Quer­denker), Coro­na-Leugn­ern und v.a. von den auf diesen Zug aufge­sprun­genen Rechten.

Obwohl Coro­na aktuell (und wie zu befürcht­en ste­ht noch länger) das Haupt­the­ma bleiben wird, ist die FL keine „Anti-Coro­na-Struk­tur“. Sie ver­ste­ht sich vielmehr als neues linkes Pro­jekt – links als anti-kap­i­tal­is­tisch verstanden.

His­torische Krise

Die seit Jahrzehn­ten anhal­tende Schwäche der Linken und der Arbeit­er­be­we­gung in Deutsch­land, ja weltweit ist unüberse­hbar. Nir­gends gibt es eine rev­o­lu­tionäre Massen­partei, eine Inter­na­tionale existiert nicht. Die einzige erfol­gre­iche sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion von 1917 liegt bere­its über ein Jahrhun­dert zurück. Alle anderen Ver­suche seit­dem sind gescheitert.

Obzwar die Arbeit­erk­lasse weltweit immer noch wächst, ihr objek­tives soziales Gewicht zunimmt und sie über große For­ma­tio­nen (Parteien, Gew­erkschaften, Bewe­gun­gen) ver­fügt, gelingt es ihr heute fast nie, sich effek­tiv und erfol­gre­ich gegen Sozial­ab­bau, Krieg, Ras­sis­mus, Umweltzer­störung usw. erfol­gre­ich zur Wehr zu set­zen. Im Gegen­teil: Wir erleben seit Jahren ein glob­ales neolib­erales und kon­ser­v­a­tives Roll­back. Ein Grund dafür – jedoch nicht der einzige – ist, dass das Pro­le­tari­at nun schon seit fast 100 Jahren über keine rev­o­lu­tionäre Klassen­führung ver­fügt. Trotz­ki sprach zu recht von ein­er his­torischen Führungskrise“. Doch auch der IV. Inter­na­tionale gelang es nicht, diese Krise zu lösen, ihre „Reste“ sind selb­st Teil der Krise.

Obwohl der Kap­i­tal­is­mus immer noch in der Lage ist, jene Pro­duk­tivkräfte zu entwick­eln, für die er weit genug ist (Marx), wird er immer mehr zum Hin­der­nis für den all­ge­meinen Fortschritt und eine humanere und pro­duk­ti­vere Gesellschaft. Der Wider­spruch zwis­chen Pro­duk­tivkräften und Pro­duk­tionsver­hält­nis­sen wird immer schär­fer. Die Bour­geoisie erweist sich als reak­tionär auf der ganzen Lin­ie (Lenin). Die Notwendigkeit wie die Möglichkeit, den Kap­i­tal­is­mus zu über­winden, beste­ht nach wie vor.

Deutsch­land

Das zen­trale Prob­lem (nicht nur) in Deutsch­land – ist die poli­tis­che und organ­isatorische Dom­i­nanz des Reformis­mus (SPD, LINKE, DGB usw.) über die Linke und die Arbeiterklasse.

Bei der Wiedervere­ini­gung 1990 erwiesen sich SPD und DGB als untauglich, um dem west­deutschen Kap­i­tal und seinem sozialen Crashkurs in Ost­deutsch­land zu begeg­nen. Die „Kosten der Ein­heit“ wur­den der Arbeit­erk­lasse in Ost und West aufge­bürdet. Mit der rot/grünen Regierung unter Schröder (1998) wurde die SPD (in Koop­er­a­tion mit Spitzen des DGB) mit ihrer Agen­da-Poli­tik sog­ar zur Speer­spitze des Neolib­er­al­is­mus. Über­all – ob in der Finanzkrise, in der Griechen­land­krise oder bei der Massen­ab­zocke durch die Energiewende – waren und sind SPD  und DGB treue Spießge­sellen der Merkel-CDU und des Kap­i­tals (auch wenn die SPD mitunter einen „soft­eren“ Kurs fährt, um ihre organ­is­che Verbindung mit und ihre Kon­trolle über das Pro­le­tari­at nicht völ­lig zu unter­minieren (good cop / bad cop).

Der Preis dafür ist ihr Nieder­gang. Das ist das von Marx­istIn­nen wie Lux­em­burg voraus­ge­sagte Schick­sal ein­er Partei, die sich von ein­er („zen­tris­tis­chen“) Inter­essen­vertreterin der Lohn­ab­hängi­gen zum kon­ter­rev­o­lu­tionären Büt­tel des Kap­i­tal­is­mus gewan­delt hat. Im Wind­schat­ten der SPD schip­pert die Linkspartei und kommt nicht vom Fleck, weil sie nicht eine Alter­na­tive zur SPD ist, son­dern nur deren ver­meintlich „bessere“ reformistis­che Ver­gan­gen­heit kopieren will, anstatt diese als tief­ere Ursache der jet­zi­gen Mis­ere anzuse­hen. Nur die Gew­erkschaften – deren Appa­rat sozialdemokratisch ori­en­tiert und eng mit der SPD ver­bun­den ist – ver­mocht­en ihre Stel­lung zu hal­ten, weil sie am eng­sten mit der pro­le­tarischen Basis ver­bun­den sind und immer­hin begren­zte ökonomis­che Kämpfe führen – sie aber zugle­ich bremsen.

Markant ist der Auf­stieg der Grü­nen, die v.a. in der wach­senden städtis­chen lohn­ab­hängi­gen Mit­telschicht wurzeln. Sie haben der SPD in wichti­gen Feldern, v.a. der Umwelt, den Rang abge­laufen. Das war ihnen auch deshalb möglich, weil die Linke und „der Marx­is­mus“ diese Fra­gen lange nicht the­ma­tisiert haben. War früher der Reformis­mus ein spez­i­fis­ch­er Teil der Arbeit­er­be­we­gung (SPD, DGB), so gibt es heute daneben einen „grü­nen“ Reformis­mus, der sich aber nicht mehr auf die Arbeit­er­be­we­gung stützt. Der Reformis­mus ist heute gewis­ser­maßen nicht mehr (nur) blaßrot, son­dern grellgrün.

Der Reformis­mus in allen seinen Spielarten ist his­torisch gescheit­ert: sowohl hin­sichtlich der Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus als auch (glob­al gese­hen) beim Ver­such, den Kap­i­tal­is­mus sozialer, demokratis­ch­er, friedlich­er usw. zu machen. Daran ändern auch gewisse Errun­gen­schaften (des Klassenkampfes) in eini­gen impe­ri­al­is­tis­chen Zen­tren ins­ge­samt nichts. Der Reformis­mus kann nicht gesun­det oder nach links gedrückt wer­den – man darf sich ihm nicht anpassen, son­dern muss ihn bekämpfen, was begren­zte tak­tis­che Koop­er­a­tio­nen (Ein­heits­front­poli­tik) nicht aus- son­dern einschließt.

Neu­formierun­gen

Nach der 68er Bewe­gung, der Entste­hung der Grü­nen und dem Auftreten der PDS ab 1989 kam es ab 2002 mit der Schröder­schen Agen­da-Poli­tik 2005 erneut zu „Ablösungs“tendenzen von der SPD, als sich Mit­glieder und Wäh­lerIn­nen massen­haft von ihr abwandten und 2004/05 die WASG und die Anti-Harz-Bewe­gung (Mon­tags­demos) ent­standen. Doch diese Ansätze wur­den entwed­er bekämpft (SPD, DGB) oder wieder in den Reformis­mus („Fusion“ zur Linkspartei) einge­bun­den. Das Gros der „radikalen Linken“ stand der WASG über­wiegend pas­siv, ver­ständ­nis­los oder ablehnend gegenüber. Fatal war und ist das Agieren einiger „Trotzk­istIn­nen“ (SAV und Linksruck/Marx21), die nicht den Bruch mit dem Reformis­mus bestärk­ten, son­dern dessen linke Flanke stellen.

Im Herb­st 2018 bildete sich mit „Auf­ste­hen“ erneut ein „alter­na­tiv­er Ansatz“, jedoch nicht von „unten“, son­dern als Top down-Pro­jekt von „Promi­nen­ten“ zur Blu­tauf­frischung des siechen Reformis­mus. Die Ini­tia­torIn­nen um Sahra Wagenknecht ver­mocht­en aber wed­er, ein kon­sis­tentes Pro­gramm noch eine sub­stantielle Analyse vorzule­gen. Sie waren noch nicht ein­mal in der Lage, die vie­len 10.000en Inter­essentIn­nen zu informieren, geschweige denn, die poli­tis­che Klärung und die organ­isatorische Formierung voran zu brin­gen. Sie haben kom­plett ver­sagt! Daher ist Auf­ste­hen gescheit­ert. Noch deut­lich­er als bei der WASG weigerte sich die gesamte „radikale Linke“, in Auf­ste­hen zu inter­ve­nieren und für ein rev­o­lu­tionäres Pro­gramm zu kämpfen. Erneut wurde so eine Chance ver­tan und dem Reformis­mus das Feld überlassen.

Die FL unter­schei­det sich poli­tisch von WASG und Auf­ste­hen v.a. dadurch, dass sie deut­lich link­er und anti-kap­i­tal­is­tis­ch­er aus­gerichtet ist.

Die „radikale Linke“ müsste ein Katalysator für den Auf­bau ein­er neuen rev­o­lu­tionären Arbeit­er­partei sein, doch sie ist dazu wed­er organ­isatorisch noch poli­tisch bere­it und in der Lage. Die diversen Grup­pen ver­har­ren in ihrem jew­eili­gen Ismus wie in einem Gewächshaus, ihr Lev­el an Koop­er­a­tion ist in jed­er Hin­sicht sehr ger­ing. Sie ver­sagen alle­samt dabei, die Gesellschaft und den Klassenkampf zu analysieren und offen­siv einzu­greifen. Neue poli­tis­che und soziale Phänomene wer­den oft nicht ver­standen und rein ide­ol­o­gisch betrachtet.

Das zeigt sich z.B. in der Umwelt- und der Kli­mafrage oder hin­sichtlich der Coro­na-Krise. Eine (natur)wissenschaftliche Analyse fehlt fast völ­lig, was regelmäßig dazu führt, dass die Linke (links)bürgerlichen Bewe­gun­gen („grüne“ Szene, FfF) und Ide­olo­gien hin­ter­her­läuft und den bürg­er­lichen Medi­en weit­ge­hend unkri­tisch glaubt. Diese Strö­mungen hat Marx schon im „Kom­mu­nis­tis­chen Man­i­fest“ als klein­bürg­er­lichen“, „Bour­geois-Sozial­is­mus usw. verurteilt. Als beson­ders „links“ oder „antikap­i­tal­is­tisch“ gilt heute, diesen Kräften und Ide­olo­gien ein „rev­o­lu­tionäres“ i‑Tüpfelchen hinzuzufü­gen. Doch diese Meth­ode ist wed­er mate­ri­al­is­tisch noch his­torisch-kri­tisch oder dialek­tisch. Sie ist unmarx­is­tisch und stellt genau das dar, was Marx pejo­ra­tiv „ide­ol­o­gisch“ nannte.

Krise der Linken

Die Ursache der – in Art und Aus­maß freilich unter­schiedlichen – Degen­er­a­tion aller (!) Teile der „radikalen Linken“ liegt u.a. darin, dass 1. eine his­torisch-kri­tis­che Ver­ar­beitung des Marx­is­mus nicht oder nur unzure­ichend erfol­gte, er oft verz­er­rt oder als Dog­ma behan­delt wurde. Die Haup­tur­sache des lan­gen Nieder­gangs war der Stal­in­is­mus. Eine Rolle spielte aber auch, dass v.a. die Ideen Lenins und Trotzkis zwar richtiger­weise als rev­o­lu­tionäre Weit­er­en­twick­lun­gen des Marx­is­mus gegenüber der II. Inter­na­tionale bzw. dem Stal­in­is­mus begrif­f­en wer­den, jedoch nicht ver­standen wurde, wo auch bei ihnen Fehler beste­hen (die tw. auf nicht über­wun­dene Konzepte der II. Inter­na­tionale zurück­ge­hen). Das sind u.a.:

  • eine „mech­a­nis­che“ Auf­fas­sung der Beziehung zwis­chen Partei und Klasse;
  • ein ein­seit­iges Ver­ständ­nis von Klassen­be­wusst­sein, das nur als poli­tis­ches ver­standen wird;
  • die Unter­schätzung der sozialen (nicht nur poli­tis­chen) Selb­stor­gan­i­sa­tion des Pro­le­tari­ats und der Massen, B. in Form von Genossenschaften;
  • ein „blan­quis­tis­ches“ Rev­o­lu­tionsver­ständ­nis, das den rev­o­lu­tionären Umsturz „über­be­tont“, den „reformerischen“ Prozess der Selb­stor­gan­i­sa­tion des Pro­le­tari­ats (auch in ökonomis­ch­er Hin­sicht) aber unter­schätzt oder sog­ar ablehnt und die Verbindung bei­der Prozesse bei der Formierung des rev­o­lu­tionären Sub­jek­ts nicht ver­ste­ht oder leugnet;
  • das Nichtver­ste­hen sozialer Entwick­lun­gen, ein­er verän­derten Klassen­struk­tur (z.B. Wach­s­tum der lohn­ab­hängi­gen Mit­telschicht­en) und der Entwick­lung der Produktivkräfte.

Wir betra­cht­en die Anschau­un­gen von Marx, Engels u.a. Marx­istIn­nen als wichtig und unverzicht­bar, sehen aber auch deren zeitbe­d­ingte Gren­zen. Marx hat keine abgeschlossene(n) Theorie(n) hin­ter­lassen, son­dern einen genialen Tor­so einen „Werkzeugkas­ten“ zur Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus. Wir meinen, dass der Marx­is­mus – v.a. die Methodik von Marx – aber immer noch die pro­duk­tivste, einzig kon­se­quente und wis­senschaftliche Konzep­tion zur Über­win­dung des Kap­i­tal­is­mus ist. Doch unter dem Ein­fluss der II. Inter­na­tionale, des Stal­in­is­mus und der diversen „Ismen“ wurde der Marx­is­mus – trotz divers­er Weit­er­en­twick­lun­gen – immer mehr zum Dog­ma. Daher wird er den Anforderun­gen des Klassenkampfes heute kaum noch gerecht und hat viel von sein­er intellek­tuellen Sprengkraft und Attrak­tiv­ität einge­büßt. Deshalb müssen wir uns wieder ern­sthaft und his­torisch-kri­tisch mit ihm befassen. Wir müssen Marx´ Meth­ode auf den Marx­is­mus selb­st anwen­den und ihn auf den Prüf­s­tand der Geschichte stellen. Zum Fun­dus des Klassenkampfes gehören auch bes­timmte Mei­n­un­gen und Erfahrun­gen ander­er link­er Strö­mungen, die oft zu unrecht als „Dis­si­den­ten“, „Kon­ter­rev­o­lu­tionäre“ usw. abgelehnt wor­den sind (z.B. der Anarchismus).

Derzeit liegt die einzige real­is­tis­che Chance für eine Erneuerung der Linken in über­greifend­en, koop­er­a­tiv­en Pro­jek­ten. Auch wenn die WASG und Auf­ste­hen von Beginn an klar reformistisch geprägt waren, gab es a) einen deut­lich größeren Einzugs­bere­ich als bei linken Grup­pen und b) einen Gestal­tungsraum, den linke Grup­pen poli­tisch hät­ten nutzen kön­nen und müssen – was sie aber über­wiegend nicht getan haben. Die FL ist nun eine erneute Chance für Auf­bau, Erneuerung und Umgruppierung.

Arbeit­er­partei

His­torisch geht es objek­tiv darum, (in Deutsch­land) eine rev­o­lu­tionäre Arbeit­er­partei (als Teil ein­er Inter­na­tionale) aufzubauen und keines­falls darum, die x‑te neue Kle­in­gruppe oder Pseu­do-Inter­na­tionale zu etablieren. Die dazu geeignete Arbeit­er­partei-Tak­tik bedeutet aber eigentlich, dass nicht nur Linke, son­dern rel­e­vante Teile der Klasse und der Arbeit­er­be­we­gung dafür gewon­nen wer­den, sich an einem poli­tis­chen und organ­isatorischen Neu­formierung­sprozess zu beteili­gen. Auf­grund der momen­ta­nen organ­isatorischen und poli­tis­chen Schwäche der FL (und der gesamten Linken) wäre es allerd­ings absurd, kurzfristig zu erwarten, dass aus der FL eine wirk­liche (Arbeiter)Partei entste­ht. Schon die Formierung ein­er Kader­partei mit eini­gen tausend Mit­gliedern wäre ein Fortschritt – voraus­ge­set­zt, es ist damit eine wirk­liche poli­tisch-pro­gram­ma­tis­che Weit­er­en­twick­lung ver­bun­den und nicht die Zufrieden­heit mit einem zen­tris­tis­chen halfway-house, das für die Wan­der­er nur ein Prokrustes­bett bere­it hält.

Die FL kann und sollte somit ein Fak­tor, ein Katalysator für die Reformierung der radikalen Linken und den Auf­bau ein­er Arbeit­er­partei wer­den. Wir befind­en uns in ein­er ähn­lichen Sit­u­a­tion wie Lenin Ende des 19. Jahrhun­derts, als er die Über­win­dung des Zirkel­we­sens forderte. Gelingt dies nicht, wird die „radikale“ Linke noch tiefer in der Mar­gin­al­ität versacken.

In diesem Sinn ruft die Ini­tia­tive Aufruhrge­bi­et alle Rev­o­lu­tionärIn­nen, Anti-Kap­i­tal­istIn­nen und klassen­be­wussten Arbei­t­erIn­nen auf, sich am Auf­bau der FL und an der Neu­formierung der Linken aktiv zu beteiligen!

4 Kommentare

  1. doppelplusgut

    Als Analyse ganz gut, aber wenn Sie schon vor der neolib­eralen Iden­tität­spoli­tik war­nen, dann seien Sie doch kon­se­quent und lassen Sie gle­ich noch das Gegen­dere sein. (Übri­gens ist das Binnen‑I unter den Linksi­den­titären mit­tler­weile nicht mehr poli­tisch kor­rekt genug, also wenn schon, dann doch bitte den Gen­der-Stern oder den Gen­der-Dop­pelpunkt nutzen…)
    Ich komme selb­st aus pro­le­tarischen Ver­hält­nis­sen und kenne dort nie­man­den (!), der diese Kun­st-Sprache aus dem post­struk­tu­ral­is­tis­chen Elfen­bein­turm benutzt – von „bekehrten” linkslib­eralen Aktivis­ten abge­se­hen. Als Link­er schafft man so nur innere Dis­tanz zum Volk und zeigt Abge­hoben­heit – und die „kleinen Leute” merken sowas sehr gut.

    • Karel Svoboda

      Vie­len Dank für die Anmerkung. Ja, gewiss, aber da es sich um einen Gast­beitrag han­delt, woll­ten wir nicht die Borniertheit der Gen­der­fa­natik­er ein­fach spiegeln, indem wir den Autoren vorschreiben wie sie zu schreiben haben.

    • Hanns Graaf

      Ich benutze das große Binnnen‑I und nicht andere Gen­der-For­men. Ich benutze das Binenn‑I auch nicht generell, son­dern nur zur „Her­vorhe­bung” der Rolle der Frauen bei den Unter­drück­ten, der Arbeit­er­be­we­gung und der Linken. Vom Gge­nen­dere halte ich son­st nichts. Hanns Graaf

    • die andere

      Was genau ist denn das Volk, welch­es sie meinen? Und wer sind die „kleinen Leute”?
      Wenn Sie das Berück­sichti­gen großer Teile der Masse auch in der Ansprache als „abge­hoben” beze­ich­nen, ist das nicht eben­falls ziem­lich igno­rant? Und sind sie damit nicht auch bevor­mundend und trauen den „kleinen Leuten” nicht zu, dass sie einen Stern oder den Dop­pelpunkt nicht aushal­ten kön­nen? Und wenn ihnen das schon zu viel ist, wie wollen sie dann eine Rev­o­lu­tion bew­erk­stel­li­gen, die wirk­lich etwas Neues bewirkt. Schließlich hat die pro­gres­sive Eini­gung der soge­nan­nten Arbeit­erk­lasse auch ohne „Gegen­dere” nicht funktioniert.

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