Der Clou der fallenden Profitrate
– Ergänzungen zu Jan Müllers „Dark Winter”

Beitrag von „unge­sund hallo” 

 

Anlässlich eines Artikels von Wal­ter Grobe, Wie idyl­lisch und wie abstrakt darf eine Freie Linke sein?, fragt „die Redak­tion“ des Freien Funken: „Wir ori­en­tieren uns an The­o­rien, die vor 50 bis 150 Jahren zu den Ver­hält­nis­sen der Zeit gepasst haben. Wie real­is­tisch ist das?“ Das Fol­gende ist ein Ver­such, ver­staubte The­o­rien mit Gegen­wart­sre­al­is­mus und „the­o­retis­che Ausar­beitun­gen“ mit „real­is­tis­chen linken Strate­gien“ (Wal­ter Grobe) zum Zusam­men­klang zu brin­gen. Für die Alge­bra, die dabei ins Spiel kommt, und die Geduld­szu­mu­tung bitte ich um Entschuldigung.

 

In Dark Win­ter – The­sen­pa­pi­er zur Coro­n­akrise ver­tritt Jan Müller die These, „dass der Kap­i­tal­is­mus als Pro­duk­tion­sweise auf­grund des Geset­zes des ten­den­ziellen Falls der Prof­i­trate in eine schwere, ver­mut­lich unüber­wind­bare Krise ger­at­en ist“.

Bezo­gen auf den Kap­i­tal­is­mus Nor­damerikas und größer­er Teile Europas (Ad hoc-Kurzbeze­ich­nung: „Altkap­i­tal­is­mus“) möchte ich aus Jan Müllers These das „ver­mut­lich” stre­ichen und behaupten: Der Altkap­i­tal­is­mus als Pro­duk­tion­sweise steckt in ein­er unüber­wind­baren Krise, wobei sich sowohl die Krise als auch ihre Unüber­wind­barkeit mit Hil­fe des Geset­zes des ten­den­ziellen Falls der Prof­i­trate erk­lären lassen – sog­ar, wenn die Prof­i­trate gar nicht fällt oder nicht unbe­d­ingt zu fall­en bräuchte.

„Unüber­wind­barkeit“ soll heißen: Zur Über­win­dung der Krise kom­men nur nichtkap­i­tal­is­tis­che Lösun­gen in Frage – außer ein­er Neofeudalisierung/Faschismus eine autoritäre oder demokratis­che Ent­pri­vatisierung von Pro­duk­tion­s­mit­teln oder auch eine Ent­fal­tung nichtkap­i­tal­is­tis­ch­er Waren­pro­duk­tio­nen, jedoch nicht die (Wieder-)Herstellung eines Konkur­ren­zkap­i­tal­is­mus nach dem Mot­to: durch Ent­mach­tung der „Oli­garchen“ und Ent­mo­nop­o­lisierun­gen des Kap­i­tals, vielle­icht noch etwas prak­tiziert­er Mod­ern Mon­ey The­o­ry, flutscht der Laden wieder. Der aktuelle Sys­te­mum­bruch ist ger­ade die Folge davon, dass der Laden nicht mehr flutschen kann. Aus pur­er Gier und Bek­lopptheit stürzt die schöne Pseu­do­demokratie mit durch Brot und Spiele ruhig gestell­tem Arbeitsvolk nicht zusammen.

In ein­er ähn­lichen Sit­u­a­tion der auswe­g­los scheinen­den Krise steck­te der Altkap­i­tal­is­mus allerd­ings schon ein­mal. Nach dem (durch den?) Zweit­en Weltkrieg kon­nte er sich prächtig berap­peln; daher eine angemessene Vor­sicht gegenüber Unüberwindbarkeitsbehauptungen.

1. Kapitalzusammensetzung

Bei der wach­senden organ­is­chen Zusam­menset­zung des Kap­i­tals (Kap­i­talzusam­menset­zung) c / v scheint es um etwa fol­gen­des Prob­lem zu gehen: Immer mehr Kram wird maschinell und automa­tisch hergestellt, während die Bedeu­tung der men­schlichen Arbeit­skraft im Pro­duk­tion­sprozess abn­immt. Da let­ztere die einzige Prof­itquelle ist, sinken die Profite.

Doch ste­ht im c / v das c, das kon­stante Kap­i­tal, nicht für „Maschi­nen, Tech­nik usw.“, son­dern eben­so wie das v, das vari­able Kap­i­tal, für „men­schliche Arbeit“. Sowohl c als auch v sind Wer­tangaben. c repräsen­tiert die zur Repro­duk­tion von Pro­duk­tion­s­mit­teln aufge­wandte Arbeit­skraft und v die zur Repro­duk­tion von Arbeit­skraft aufge­wandte Arbeitskraft.

Eine wach­sende Kap­i­talzusam­menset­zung c / v sagt aus, dass ein zunehmender Teil der wert­bilden­den men­schlichen Arbeit­skraft für die Repro­duk­tion von Pro­duk­tion­s­mit­teln aufgewen­det wird, während der zur Repro­duk­tion von Arbeit­skraft aufge­wandte Teil rel­a­tiv abn­immt. Über die ins­ge­samt zur Erzeu­gung ein­er gewis­sen Waren­menge einge­set­zte wert­bildende men­schliche Arbeit sagt sie nichts.

Mit und ohne abnehmende Gesam­tar­beit senkt laut Marx eine wach­sende Kap­i­talzusam­menset­zung ten­den­ziell die Prof­ite und eine sink­ende Kap­i­talzusam­menset­zung senkt die Prof­ite ten­den­ziell nicht. Dies, obwohl steigen­des v eben­sogut wie steigen­des c die Prof­i­trate senkt. (Erhöhen wir in Jan Müllers Rechen­beispiel, anstatt c von 300 auf 400, das vari­able Kap­i­tal v von 100 auf 200, kommt eben­falls eine gesenk­te Prof­i­trate her­aus: m / (c+v) = 100 / (300 + 200) = 100 / 500.)

Zu ver­ste­hen, weshalb die men­schliche Arbeit des c für den Prof­it „böse“ ist und die men­schliche Arbeit des v nicht, ist ein Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis der heuti­gen Welt­lage – und zum Ver­ständ­nis des Impe­ri­al­is­mus’ gle­ich mit.

2. Zusammenhang von konstantem und variablem Kapital

Der Wert der men­schlichen Arbeit­skraft ist durch die Arbeit­szeit gegeben, die zur Her­stel­lung all der Waren (Güter und Dien­stleis­tun­gen) nötig ist, die zur Repro­duk­tion der Arbeit­skraft erforder­lich sind.

Welche Waren in welch­er Menge genau als zur Repro­duk­tion der Arbeit­skraft erforder­lich gel­ten, ob zum Beispiel unbe­d­ingt elek­trische Zahn­bürsten oder das Nichtver­hungern­lassen Erwerb­slos­er dazu gehören müssen, hängt von poli­tis­chen, gew­erkschaftlichen, his­torischen … vie­len Aspek­ten ab. Speziell die Maß­nah­men, die ergrif­f­en wer­den, um Arbeiter:innen [1] von Rev­o­lu­tio­nen abzuhal­ten, sei es durch Polizeit­er­ror oder Schulen oder Fußballmeis­ter­schaften oder Wohn­geld oder Angstkam­pag­nen, sind ein Bestandteil des zur Repro­duk­tion der Arbeit­skraft nöti­gen Aufwands. Staats- und Stiftungsaus­gaben für diese Dinge lassen sich im hochen­twick­el­ten Kap­i­tal­is­mus zum größten Teil dem vari­ablen Kap­i­tal v zurech­nen. Es ist Geld, das Kapitalist:innen via Steuern, Steuer­hin­terziehung, Lohn­nebenkosten, Spenden … zur Repro­duk­tion der Arbeit­skraft aus­geben bzw. das vom Mehrw­ert des Gesamtkap­i­tals abzuziehen ist.

Im ide­alen Kap­i­tal­is­mus entspricht v dem Wert der ins­ge­samt einge­set­zten Arbeit­skraft, wenn auch die Preise für unter­schiedliche Arbeit­skraft-Sorten (die Löhne) wie bei anderen Waren nicht unbe­d­ingt deren jew­eiligem Wert entsprechen. So wer­den leicht erset­zbare Arbeit­skräfte wert­mäßig notorisch unter­bezahlt, weil sie höch­stens unmit­tel­bar nach Kriegen nicht im Überange­bot sind. Entwed­er ster­ben ihre men­schlichen Träger wie viele im Frühkap­i­tal­is­mus oder sie bekom­men den zu ihrer Repro­duk­tion nöti­gen Lohn indi­rekt aus­bezahlt, beispiel­sweise als Wohngeld.

Vom Wert der Gesam­tar­beit­skraft hängt der Mehrw­ert m ab, d.h. der Wert der Arbeit, die sich das Gesamtkap­i­tal unbezahlt aneignet. Eine unbezahlt zur Mehrw­ertschöp­fung angeeignete Durch­schnittsar­beitsstunde repräsen­tiert dieselbe Wertquan­tität wie eine bezahlt abgeleis­tete Durch­schnittsar­beitsstunde. Beträgt die Mehrw­er­trate m / v beispiel­sweise 20 %, ist damit gemeint: = 0,2 • v.

Der Mehrw­ert m ist nach Marxschem Begriffsver­ständ­nis immer irgend­was mal v:
m = x • v.

Die in einem Wirtschaftssys­tem ins­ge­samt einge­set­zte Arbeit­skraft hat einen Wert von v + m.

Eine Pro­duk­tion im Wert von c + v + m mit einem v = 0, d.h. ganz ohne Arbeiter:innen, würde keinen Mehrw­ert abw­er­fen: c + 0 + x• 0 c.

Aber es kommt noch schlimmer!

„Der Wert des kon­stan­ten Kap­i­tals, zum Beispiel von Maschi­nen, lässt sich […] auf den Wert der Ware Arbeit­skraft zurück­führen, der zu ihrer Pro­duk­tion einge­set­zt wurde.“
(Jan Müller: Dark Winter)

 

Beträgt der Wert der Arbeit­skraft, der zur (Re-)Produktion von Maschi­nen usw. einge­set­zt wird, Null, d.h. wer­den Pro­duk­tion­s­mit­tel ganz ohne Arbeiter:innen (re-)produziert, muss dem­nach auch der Wert des kon­stan­ten Kap­i­tals c Null sein.
0 + 0 + x• 0 = 0.

3. Menschliche Arbeit

Ein Null-Arbeit­skraft-Zus­tand, in dem „die Arbeit in unmit­tel­bar­er Form aufge­hört hat, die große Quelle des Reich­tums zu sein“ (Karl Marx), ist lei­der noch nicht erreicht.

Die Ansicht, ein Zus­tand arbeit­slosen Wohl­stands stünde Kurz bevor, hängt vielle­icht damit zusam­men, dass ihre Vertreter:innen zu wenig mit­bekom­men, wie viel Schweiß und Mühe in den unzäh­li­gen Din­gen steck­en, die sie umgeben, mit denen sie gek­lei­det sind und die sie sich einverleiben.

Jede Gehweg­plat­te, auf die wir in den Städten treten, hat jemand dort hin­gelegt. Für jede Taste, auf die wir beim Tex­teschreiben tip­pen, haben Men­schen in diversen Minen herumgewühlt. Die meis­ten Früchte, die wir essen, hat jemand manuell vom Baum oder Strauch gepflückt. Mit jedem Shirt, das wir bek­leck­ern, haben sich Men­schen befasst: beim Sähen und Ern­ten der Baum­wolle, beim Beobacht­en und Warten von Spinn- und Schnittmaschi­nen, beim Nähen, Fär­ben, Ver­pack­en und Trans­portieren, beim Verkauf.

 

Baum­woll­fas­er-Qual­itätssortierung für gehobene Ansprüche: ein Fall für Neuro-Fuzzy-Automaten,
deren Entwicklung/Herstellung im Ver­gle­ich zur Hand­sortierung derzeit ver­mut­lich noch zu viel Arbeit­skraft erfordern würde,
um sie im maßge­blichen Zeit­fen­ster prof­ita­bel ein­set­zen bzw. abschreiben zu können.
(Foto: CSIRO, Masken nicht Corona-bedingt)

Oder um ein anderes Beispiel zu nen­nen: Für hun­derte Mil­lio­nen von Men­schen ste­ht daheim kein Waschbeck­en mit fließend Wass­er zur Ver­fü­gung. Wie viel Arbeit wird nötig sein, um diesen Bedarf zu deck­en, um die nötige Infra­struk­tur an Rohren und Straßen, die Badez­im­mer und Fab­riken und Kraftwerke für den Fab­rik­be­trieb und für Leitungswasser­pumpen zu schaffen?

Weit­eres Anschau­ungs­ma­te­r­i­al für die Bedeu­tung der men­schlichen Arbeit bieten Covid-Verord­nun­gen. Durch Nichtar­beit sanken außer Geld- bzw. Lohneinkom­men die pro­duzierten Men­gen physisch brauch­bar­er Waren, unter anderem die von Bauholz, Hal­bleit­ern, Tee … auch beispiel­sweise Dien­stleis­tun­gen zur Betreu­ung alter Men­schen, woran nicht wenige starben.

Aus chro­nis­ch­er Massen­er­werb­slosigkeit wird leicht geschlossen, dass der Kap­i­tal­is­mus immer weniger aus­beut­bare men­schliche Arbeit nutzt. Aber die Erwerb­slosigkeit sollte – wie Covid-Zahlen – im Zusam­men­hang gese­hen werden.

In den let­zten Jahrzehn­ten nahm die im Kap­i­tal­is­mus geleis­tete wert­bildende men­schliche Arbeit in unvorstell­barem Aus­maß zu. Seit 1990 stieg die absolute Zahl der Erwerb­stäti­gen in der Welt um rund 1 Mil­liarde Men­schen; in den USA stieg sie in diesem Zeitraum um rund 30 Mil­lio­nen und in Deutsch­land um über 4 Mil­lio­nen Men­schen (Welt­bank Labor force, totalUSAGer­many).

Zugle­ich sinkt der Anteil der Erwerb­stäti­gen an der Gesamt­bevölkerung und kön­nen wir mit immer weniger Arbeit­skraft immer mehr Kram produzieren.

 

Anteil der weltweit Erwerb­stäti­gen an der Welt­bevölkerung zwis­chen 1990 und 2020 (Welt­bank)
Von 2019 auf 2020 ist ein deut­lich­er Ein­bruch zu sehen: Corona-Verordnungen.

 

4. Mehrwertrealisation

In ein­er gesamtwirtschaftlichen Pro­duk­tion, die in einem gewis­sen Zeitraum einen Wert c + v + m erzeugt, lässt sich das c etwa so untergliedern:

c1 Wert der Pro­duk­tion­s­mit­tel, die unmit­tel­bar der Her­stel­lung von Kon­sum­tion­s­mit­teln dienen

c2 Wert der Pro­duk­tion­s­mit­tel, die der Her­stel­lung von Pro­duk­tion­s­mit­teln dienen, die unmit­tel­bar der Her­stel­lung von Kon­sum­tion­s­mit­teln dienen

c3 Wert der Pro­duk­tion­s­mit­tel, die der Her­stel­lung von Pro­duk­tion­s­mit­teln dienen, die der Her­stel­lung von Pro­duk­tion­s­mit­teln dienen, die unmit­tel­bar der Her­stel­lung von Kon­sum­tion­s­mit­teln dienen

… und immer so weiter.

Die 1. Ebene, die Pro­duk­tion­s­mit­tel zur unmit­tel­baren Her­stel­lung von Kon­sum­tion­s­mit­teln her­stellt, erzeugt einen Wert von c1 = c2 + v1 + m1. Die Pro­duk­tion­s­mit­tel im Wert von c2 kaufen die Kapitalist:innen von anderen Kapitalist:innen (oder Kap­i­tal­en, denn die per­sön­lichen Eigen­tumsver­hält­nisse sind eigentlich egal).

Die 2. Ebene, die Pro­duk­tion­s­mit­tel c2 zur Her­stel­lung von Pro­duk­tion­s­mit­teln her­stellt, die der unmit­tel­baren Her­stel­lung von Kon­sum­tion­s­mit­teln dienen, erzeugt einen Wert von c2 = c3 + v2 + m2. Ihre Pro­duk­tion­s­mit­tel im Wert von c3 kaufen die Kapitalist:innen von anderen Kapitalist:innen.

Die 3. Ebene, die Pro­duk­tion­s­mit­tel c3 her­stellt, erzeugt einen Wert von c3 = c4 + v3 + m3. Ihre Pro­duk­tion­s­mit­tel im Wert von c4 kaufen die Kapitalist:innen von anderen Kapitalist:innen.

… und immer so weiter.

Beim Kauf von Pro­duk­tion­s­mit­teln real­isieren Kapitalist:innen den Mehrw­ert, der bei der Pro­duk­tion der Pro­duk­tion­s­mit­tel der jew­eils näch­sten Ebene entsteht.

Kapitalist:innen der 1. Ebene real­isieren den Mehrw­ert m2 der 2. Ebene. Preis/Wertentsprechung voraus­ge­set­zt, zahlen sie beim Kauf der Pro­duk­tion­s­mit­tel c2 einen Geld­be­trag, der einem Wert von c2 = c3 + v2 + m2 entspricht. Kapitalist:innen der 2. Ebene real­isieren den Mehrw­ert m3 der 3. Ebene, indem sie einen Geld­be­trag zahlen, der c3 = c+ v+ m3 entspricht usw.

Der Wert des kon­stan­ten Kap­i­tals der Gesamt­pro­duk­tion beträgt
c = c1 + c2 + c3 + …

Je größer c im Ver­gle­ich zum v der Gesamt­pro­duk­tion wird, desto weniger Arbeit kann gesamtwirtschaftlich unbezahlt bleiben. Zwar eignen sich die Einzelka­p­i­tale Mehrw­ert m1, m2 usw. an, aber da dessen Real­i­sa­tion durch andere Einzelka­p­i­tale geschieht, sinkt mit wach­sender Kap­i­talzusam­menset­zung c / v gesamtwirtschaftlich der Anteil unbezahlt bleiben­der Arbeit und damit ten­den­ziell die gesamtwirtschaftliche Prof­i­trate m / (c + v).

Bei Ein­führung neuer Tech­nolo­gien wie Dampf­maschi­nen, maschineller Maschi­nen­pro­duk­tion usw. entste­hen neue Mehrw­ert­pro­duk­tio­nen m1, m2 usw., bish­er ver­bun­den mit einem Zus­trom neuer Arbeit­skraft aus nichtkap­i­tal­is­tis­chen Bere­ichen, für deren „Pro­duk­tion“ der Kap­i­tal­is­mus­nich­taufzukom­men brauchte, sowie oft neuen Natur­ma­te­ri­alien, die vorher ungenutzt „herum­la­gen“. Durch diese Neukap­i­tal­bil­dung sieht für den Kap­i­tal­is­mus und oft auch für Arbeiter:innen eine Weile alles pri­ma aus – bis irgend­wann aus irgen­deinem her­vorstechen­den Anlass oder auf schle­ichen­den Wegen her­auskommt, dass das Gesamt­sys­tem keinen für weit­eres Wach­s­tum aus­re­ichen­den Prof­it abwirft. Dies erk­lärt grob die in Jan Müllers The­sen­pa­pi­er aufge­führten Lan­gen Wellen.

Marx nen­nt die men­schliche Arbeit, die c repräsen­tiert, „tot“ und die men­schliche Arbeit, die v repräsen­tiert, „lebendig“. Nur die lebendi­ge Arbeit ist Quelle des Profits.

„Da die Masse der ange­wandten lebendi­gen Arbeit stets abn­immt im Ver­hält­nis zu der Masse der von ihr in Bewe­gung geset­zten verge­gen­ständlicht­en Arbeit, der pro­duk­tiv kon­sum­ierten Pro­duk­tion­s­mit­tel, so muss auch der Teil dieser lebendi­gen Arbeit, der unbezahlt ist und sich in Mehrw­ert verge­gen­ständlicht, in einem stets abnehmenden Ver­hält­nis stehn zum Wer­tum­fang des ange­wandten Gesamtkap­i­tals. Dies Ver­hält­nis der Mehrw­erts­masse zum Wert des ange­wandten Gesamtkap­i­tals bildet aber die Prof­i­trate, die daher beständig fall­en muss.“ (Das Kap­i­tal III, S. 223)

5. Reformen

Das Haupt­prob­lem des Kap­i­tal­is­mus ist bis auf Weit­eres nicht ein Bedeu­tungsver­lust men­schlich­er Arbeitkraft in der Pro­duk­tion an sich, son­dern das Bezahlen­müssen eines wach­senden Teils der in der Waren­pro­duk­tion ver­aus­gabten Arbeitskraft.

Wenn die wach­sende Kap­i­talzusam­menset­zung c / v dem Kap­i­tal­is­mus Ärg­er macht, indem sie zur Bezahlung eines wach­senden Teils der Arbeit zwingt, dann lasst uns doch das tech­nol­o­gisch bed­ingt wach­sende c durch eine Erhöhung von v ausgleichen!

Auf diesen Gedanken laufen so ziem­lich alle sozialen Refor­mvorschläge hin­aus, die seit Beste­hen des Kap­i­tal­is­mus vorge­bracht werden.

Marx-ori­en­tierte Linke wer­fen im Chor mit Kapitalist:innen dage­gen ein: wach­sendes v senkt den Mehrw­ert m und also die Profite.

Aber weshalb sollte das der Fall sein, wenn doch m = x • v ist?
Wird das v auf der recht­en Seite der Gle­ichung größer, sollte doch auch das m auf der linken Seite der Gle­ichung größer wer­den! In etwas herkömm­licher­er Aus­druck­sweise: Steigt die zahlungs­fähige Nach­frage der Lohn­ab­hängi­gen, dann entste­hen zusät­zliche Pro­duk­tio­nen und mit ihnen zusät­zlich­er Mehrw­ert, so dass der Prof­it zunimmt.

Hier schlägt das­selbe Prob­lem zu wie bei der wach­senden Kap­i­talzusam­menset­zung: Let­ztlich müssen bei wach­sen­dem v die Kapitalist:innen den Mehrw­ert real­isieren, der in den durch die zusät­zliche Nach­frage entste­hen­den Pro­duk­tio­nen erzeugt wird. Was weit­er oben mit den c+ c2 … vorge­führt wurde, lässt sich genau­sogut mit v+ v+… + m+ m² … anstellen.

Kauft sich ein Lohnar­beit­er Wim­pern­tusche, bezahlt er (Preis/Wertentsprechung voraus­ge­set­zt) den Kapitalist:innen, die mit deren Pro­duk­tion befasst sind:
cWim­pern­tusche + vWim­pern­tusche + mWim­pern­tusche

mWim­pern­tusche ist im Lohn enthal­ten, den der Arbeit­er von ein­er Kap­i­tal­istin erhält.

Gesamtwirtschaftlich kann durch Lohn­er­höhun­gen, bezahlte Arbeit­szeitverkürzun­gen, gen­tech­nis­che Massen­ex­per­i­mente, gute soziale Net­ze und der­gle­ichen der Betrag der unbezahlt bleiben­den Arbeit nicht zunehmen, auch wenn für einzelne Kapitalist:innen zusät­zliche Prof­it­möglichkeit­en und dadurch für Arbeiter:innen zusät­zliche Arbeit­splätze entstehen.

Ohne die Prob­lematik des Bezahlen­müssens eines allzu großen Teils der gesamtwirtschaftlich ver­aus­gabten Arbeit­skraft durch die Kapitalist:innen sel­ber und den dadurch bed­ingten Prof­itver­lust für das Gesamtkap­i­tal wäre es völ­lig unver­ständlich, weshalb sich Kapitalist:innen und Arbeiter:innen seit 250+ Jahren sys­tem­a­tisch in die Wolle kriegen soll­ten. Wir hät­ten schon lange einen super­tollen Kap­i­tal­is­mus hin­bekom­men, der im Innern und nach außen friedlich ist, allen Men­schen ökol­o­gisch verträglichen Wohl­stand sichert und den „Oli­garchen“ die gewün­schte Anzahl Villen, Wasser­stof­fraketen und Kreatio­nen der Haute Cou­ture liefert. Bish­er sind wir immer nur fast und nur in eini­gen Welt­ge­bi­eten an so einen Kap­i­tal­is­mus herangekom­men. Wie bei den Lan­gen Wellen laufen die Dinge mit gew­erkschaft­skämpferisch gehoben­em v1, v2 … und m1, m2 … eine Weile pri­ma, aber bish­er krachte es im Soziale­mark­twirtschafts­ge­bälk immer irgend­wann ganz fürchterlich.

6. Imperialismus und Geld aus dem Nichts

Das bish­er Dargelegte besagt: Der Kap­i­tal­is­mus kann in keinem Fall gesamtwirtschaftlichen Prof­it abw­er­fen, denn in der einen oder anderen Weise sind es immer Kapitalist:innen, die den Mehrw­ert ander­er Kapitalist:innen real­isieren, sei es durch direk­te und indi­rek­te Lohn­zahlun­gen oder Pro­duk­tion­s­mit­telkäufe oder auch Einkäufe für den eige­nen Kon­sum. Auf das Gesamtkap­i­tal bezo­gen kann keine Arbeit unbezahlt bleiben.

Erst­ma­lig machte auf diesen Unstand Rosa Lux­em­burg 1913 in ihrem Buch Die Akku­mu­la­tion des Kap­i­tals aufmerk­sam. Dafür kassierte sie von allen Seit­en Backpfeifen – mit weni­gen, nur durch gezielte Aus­grabungsar­beit­en auffind­baren Aus­nah­men wie Georg Lukács 1920 im Auf­satz Klassen­be­wusst­sein (S. 81, Anmerkung 27) oder Richard Sorge 1922 vor sein­er Tätigkeit als sow­jetis­ch­er Spi­on in sein­er Zusam­men­fas­sung der Akku­mu­la­tionsfrage „für die Arbeit­er­schaft“ oder Lucien Lau­rat alias Otto Maschl, Mit­be­grün­der der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Öster­re­ichs, 1930 in L’accumulation du cap­i­tal d’après Rosa Lux­em­burg.

Im Prinzip kann der Kap­i­tal­is­mus nur mit zwei – kom­binier­baren – Lösun­gen für das Prob­lem des Bezahlen­müssens sämtlich­er Arbeit aufwarten:

  1. Pah! Dann wird eben gesamtwirtschaftlich kein Prof­it gemacht!
  2. Außer­sys­temis­che „soziale For­ma­tio­nen“ (Lux­em­burg) wer­den zur Bezahlung von Arbeit, zur Real­i­sa­tion von Mehrw­ert, herangezogen.

 

Unbezahlt bleibende Arbeit, real­isiert­er Mehrw­ert, dient außer der Kon­sum­tion der Kapitalist:innen Wach­s­tum­sin­vesti­tio­nen. Ohne unbezahlt bleibende Arbeit bedeuten Wach­s­tum­sin­vesti­tio­nen an der einen Stelle im Wirtschaftssys­tem Ver­luste an anderen Stellen im Wirtschaftssys­tem – entwed­er Mehrw­ertver­luste für Kapitalist:innen oder Senkun­gen von v oder bei­des. Das Gesamt­sys­tem steckt in ein­er chro­nis­chen Wach­s­tum­skrise fest, ein­er Krise der Akku­mulier­barkeit von Kap­i­tal im Unter­schied zu gewöhn­lichen Kon­junk­turkrisen der Kapitalakkumulation.

Wach­s­tum braucht der Kap­i­tal­is­mus auf­grund sein­er Pro­duk­tion­slogik Geld – Ware – mehr Geld. Springt am Ende nicht mehr Geld her­aus, wird gar nicht erst pro­duziert. Damit es nicht zum domi­noar­ti­gen Tota­l­ab­sturz kommt, muss die Illu­sion von Prof­iten, von „mehr Geld“, zunehmend mit heißer Luft aufrecht erhal­ten werden.

Außer­sys­temis­che (inländis­che oder aus­ländis­che) „soziale For­ma­tio­nen“ kön­nen dem Kap­i­tal­is­mus nur zu „echt­en“, wert­basierten Prof­iten ver­helfen, indem sie wert­bildende Arbeit leis­ten. Nicht jede beliebige men­schliche Arbeit bildet aus Marx-ori­en­tiert­er Sicht Wert – weshalb manche, unter der Beze­ich­nung „Land­nahme“ laufende Konzepte nur auf deklar­a­tivem Gebi­et etwas mit Karl Marx und Rosa Lux­em­burg zu tun haben.

Die Wege, mit denen der Kap­i­tal­is­mus mit wert­bilden­der Arbeit gefüt­tert wer­den kann, für deren Bezahlung die Kapitalist:innen des betr­e­f­fend­en Sys­tems nicht aufzukom­men brauchen, sind vielfältig: Raub und Zwangsar­beit, Schuld­knechtschaft, wert­mäßige Unter­bezahlung importiert­er Rohstoffe und Nahrungsmit­tel, wert­mäßig über­zo­gene Preise für Export­waren, Exportüber­schüsse, Nutzung auswärts (re-)produzierter Arbeitskraft …

Zu den für den Kap­i­tal­is­mus mit unbezahlt bleiben­der, wert­bilden­der Arbeit ver­sor­gen­den „sozialen For­ma­tio­nen“ zählt die famil­iär betriebene Land­wirtschaft, die nach dem Prinzip Ware – Geld – andere Ware funk­tion­iert. Da sie bei fehlen­dem „mehr Geld“ nicht zu pro­duzieren aufhört, eignet sich diese Pro­duk­tions­form gut zur Bezuschus­sung des Kap­i­tal­is­mus. Aber rel­a­tiv zur kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion schrumpft der Wert­be­trag, den die nichtkap­i­tal­is­tis­che Land­wirtschaft beis­teuern kann. Im Altkap­i­tal­is­mus liegt der Anteil land­wirtschaftlich Erwerb­stätiger an den Erwerb­stäti­gen bei 1 bis 3 % (Our World in Data).

Außer zunächst Sklaverei, Kolonien bzw. Bil­ligeinkauf von Kolo­nial­waren und Pro­jek­te wie die Bag­dad-Bahn, bei der ana­tolis­che Bäuer:innen Mehrw­ert der deutschen Stahlin­dus­trie real­isierten, halfen nach dem Zweit­en Weltkrieg vor allem solche „sozialen For­ma­tio­nen“ dem Altkap­i­tal­is­mus mit unbezahlt bleiben­der Arbeit, die es schafften, aus dem Elend von Sub­sis­ten­zpro­duk­tio­nen mit aufge­set­ztem undi­ver­si­fizierten Unfer­tig­waren­ex­port her­auszukrauchen und eigene Indus­triepro­duk­tio­nen aufzubauen. Staatswirtschaftlich und hal­bkap­i­tal­is­tisch organ­isierte, vom Altkap­i­tal­is­mus aus­re­ichend unab­hängige Sys­teme importierten Pro­duk­tion­s­mit­tel und Geld­kap­i­tal und set­zten riesige Men­schen­men­gen in Wert, deren Arbeit die heiße Luft des Glob­alen Nor­dens in hand­grei­fliche Waren umformatierte.

7. Folgerungen

Das Bezahlen­müssen sämtlich­er wert­bilden­der Arbeit ist nur für den Kap­i­tal­is­mus ein Problem.

Bedar­fori­en­tierte Pro­duk­tio­nen und Pro­duk­tio­nen nach dem Prinzip Ware – Geld – andere Ware haben dieses Prob­lem nicht. Mehrpro­dukt, Pro­duk­tion über den unmit­tel­baren Erhal­tungs­be­darf hin­aus, genügt ihnen zum Wach­s­tum. Aber insoweit nichtkap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tio­nen keinen Wert bzw. keine Arbeit aus außer­sys­temis­chen Quellen ein­saugen, wach­sen sie deut­lich langsamer als kapitalistische.

Daran sind im Prinzip die Staatswirtschaften der Sow­je­tu­nion, DDR usw. gescheit­ert: im Welt­maßstab gese­hen war das materielle Leben­sniveau in diesen Län­dern nicht übel, aber im Ver­gle­ich zum Altkap­i­tal­is­mus blieb es zurück und waren die Bana­nen „zu teuer“.

Daran scheit­erten bish­er im Prinzip auch Staat­spro­duk­tio­nen inner­halb des Altkap­i­tal­is­mus’: Nich­taus­beu­tung außer­sys­temis­ch­er Sozial­for­ma­tio­nen und Abfluss von Wert in die kap­i­tal­is­tis­chen Sek­toren der Wirtschaft erscheinen als „man­gel­nde Wettbewerbsfähigkeit“.

Durch Wertüber­tra­gun­gen in den kap­i­tal­is­tis­chen Sek­tor ver­ringern inländis­che Staat­spro­duk­tio­nen den Druck, aus­ländis­che Sozial­for­ma­tio­nen aus­beuten zu müssen. Ab einem gewis­sen Umfang rel­a­tiv zum kap­i­tal­is­tis­chen Sek­tor kön­nen Staat­spro­duk­tio­nen den kap­i­tal­is­tis­chen Sek­tor sog­ar ohne Impe­ri­al­is­mus zu Wach­s­tum ver­helfen. Umgekehrt sind die Pri­vatisierung­sorgien der let­zten Jahrzehnte in der EU mit dem Sachzwang ein­er zunehmend aggres­siv­eren Außen­poli­tik ver­bun­den, der sich auf ver­schlun­genen Wegen zum Beispiel darauf auswirkt, welche Charak­tere im poli­tis­chen Sys­tem an die Spitze gespült werden.

Das hal­bkap­i­tal­is­tis­che chi­ne­sis­che Wirtschaftswun­der beruht auf ein­er Kom­bi­na­tion bish­er erwäh­n­ter Fak­toren: Eingliederung viel­er Arbeit­skräfte in den Kap­i­tal­is­mus, für deren Pro­duk­tion das Kap­i­tal in der ersten Gen­er­a­tion nicht aufzukom­men braucht; außer­sys­temis­che Real­isierung von Mehrw­ert durch Exportüber­schüsse; unter­stützende Wirkung von Staatsproduktionen.

Für den Altkap­i­tal­is­mus sind die Möglichkeit­en des Wertein­saugens rel­a­tiv zum Wach­s­tums­be­darf der­maßen zusam­mengeschrumpft, dass die „maßge­blichen west­lichen Oli­garchen“ auf bre­it­er Front mit der Besei­t­i­gung kap­i­tal­is­tis­ch­er Wirtschaftsmech­a­nis­men durchkom­men. Zwar sind Oligarchen:innen darauf eigentlich immer aus, aber der funk­tion­ierende Kap­i­tal­is­mus­be­trieb verteilt Macht, Reich­tum und poli­tis­che Ansin­nen nicht zu Gun­sten sein­er Besei­t­i­gung. Mitte­s­tand und Gew­erkschaften wirken zum Beispiel in Rich­tung Monopoleindäm­mung, Rechtsstaat, Wis­senschaftlichkeit und weniger manip­u­la­tiv­er Berichter­stat­tung der Tagesschau.

Im nicht funk­tion­ieren­den Kap­i­tal­is­mus treten an die Stelle kap­i­tal­is­tis­ch­er Wirtschaftsmech­a­nis­men, die qua­si automa­tisch für eine Inte­gra­tion der auseinan­der­streben­den Kom­po­nen­ten „Kap­i­tal und Arbeit“, „Großkap­i­tal und Kleinkap­i­tal“, „Land­wirtschaft und Indus­trie“, „Staats­bürokratie und freies Unternehmer­tum“ … sor­gen, mehr und mehr For­men der politischen/ideologischen/zwangsweisen Inte­gra­tion, die auf die jew­eilig über den Tisch Gezo­ge­nen willkür­lich, kor­rupt und irra­tional wirken – „eine Art Neo­feu­dal­is­mus“. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Ein­fluss von Ver­schwörun­gen nimmt in dem Maße zu wie der gesellschaftliche und wirtschaftliche Ein­fluss von sozioökonomis­chen Automa­tis­men ins Stock­en gerät.

8. Aussichten

Die let­zten vielle­icht aus­re­ichend ergiebi­gen Saug­stellen des Altkap­i­tal­is­mus liegen vor allem in Vorderasien und Afri­ka. Hier unter­graben chi­ne­sis­che Ein­flüsse die weit­ere Aus­beu­tung der Bevölkerun­gen. Lässt „man“ den Geschäften freien Lauf, wer­den Län­der wie Ghana, anstatt Kakao, dem­nächst mit chi­ne­sis­chen Kraftwerken gepäp­pelte Armeen von Schoko­ladenos­ter­hasen und ‑wei­h­nachtsmän­nern ins christliche Abend­land entsenden, wo die entsprechen­den Mehrw­ert­pro­duk­tio­nen weg­fall­en werden.

Ein­halt kön­nen dieser Entwick­lung neben mil­itärisch­er Gewalt poli­tis­che, ver­mit­tels Schuld­knechtschaften, Mord und Kor­rup­tion umge­set­zte „Governance“-Agenden gebi­eten. Dass diese sich zum Kli­ma- und Coro­n­akult verdichtet haben, hängt mit vie­len nicht unver­mei­dlichen Fak­toren zusam­men, doch das ihnen innewohnende apoka­lyp­tis­che Moment wie auch ihre un-bürg­er­liche Irra­tional­ität und die über­grif­fige Stoßrich­tung gegen indi­vidu­elle Frei­heit­en beruhen nicht auf Zufall.

Um den oli­garchisch anvisierten Gang in eine Hor­ror­welt aufzuhal­ten, ist es nicht erforder­lich, die hier dargestellte Zusam­men­bruchs­be­haup­tung richtig zu find­en, mit der Rosa Lux­em­burg gewis­ser­maßen 100 Jahre zu früh dran war, weil sie die ent­las­ten­den Effek­te ein­er nach­holen­den, schon nicht mehr kap­i­tal­is­tis­chen, aber noch nicht nach-kap­i­tal­is­tis­chen Indus­tri­al­isierung nicht überblick­en konnte.

Da wir in ein­er umfassenden Sys­temkrise steck­en, drängt sich die Erken­nt­nis, dass es „so“ nicht weit­erge­hen kann, an allen möglichen Stellen des Gesellschaft­slebens auf. Entsprechend vielfältig ver­laufen die Wege der Men­schen in den Wider­stand gegen die soziopathis­chen Machen­schaften der „maßge­blichen west­lichen Oli­garchen“. Gelingt es, deren Macht zu brechen, wird sich früh genug her­ausstellen, wie weit und in welchen Bere­ichen die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise noch funk­tion­ieren kann. Wo sie nicht funk­tion­ieren wird – nach Lux­em­burg im West­en fast über­all –, wer­den wir ohne großes ide­ol­o­gis­ches Palaver, rein prak­tisch gezwun­gen sein, nichtkap­i­tal­is­tis­che bedarf­sori­en­tierte und/oder waren­wirtschaftliche Pro­duk­tion­sweisen auf die Beine zu stellen.

Auf­grund der struk­turellen und funk­tionellen Ver­fass­theit der „maßge­blichen west­lichen Oli­garchen“, die das Resul­tat lang­wieriger sozioökonomis­ch­er Entwick­lun­gen ist, beruht der Wider­stand gegen sie erzwun­gener­maßen auf ein­er indi­vidu­ellen Dick­köp­figkeit, auf der Fähigkeit der Einzel­nen, den Manip­u­la­tion­skün­sten der „Oli­garchen“ zu wider­ste­hen – ob die Wider­ständi­gen ihre Wider­ständigkeit nun poli­tisch links oder rechts oder mit­tig oder inhaltlich kon­sis­tent oder total wirr begründen.

Dünnköpfe ent-indi­vid­u­al­isier­bar­er Massen leis­ten keinen Wider­stand, son­dern gliedern sich im Glauben, damit ihren linken, recht­en oder mit­ti­gen Weltan­schau­un­gen zu entsprechen, auf der Seite der „Oli­garchen“ ein, die die poli­tisch-men­tal­en Bedürfnisse ihrer Mitläufer:innen bedarf­s­gerecht befriedi­gen kön­nen. Viele der heuti­gen Mitläufer:innen kön­nten hof­fentlich nur eine enorm lange Leitung haben, was die Ein­führung neuer Sportarten bei der Polizei wie das Leicht­bürg­erkegeln als vorauss­chauende Ertüch­ti­gungsini­tia­tive ver­ständlich macht.

Sein­er Wurzel, der indi­vidu­ellen Dick­köp­figkeit, entspricht die Organ­i­sa­tion­sstruk­tur des Wider­stands: viele Einzelper­so­n­en und viele kleine, unzusam­men­passende Haufen, von denen die Freie Linke ein­er oder mehrere ist. Vielle­icht wer­den effek­ti­vere Struk­turen entste­hen, die der Wurzel des Wider­stands eben­falls entsprechen. Organ­i­sa­tion­sstruk­turen und ‑prak­tiken, die dieser Wurzel nicht entsprechen und die Wider­ständi­ge hier und da durchzuset­zen ver­suchen, schwächen den Widerstand.

In den vom Tra­di­tion­s­marx­is­mus nicht tradierten Worten von Marx/Engels:

„Es geht aus der ganzen bish­eri­gen Entwick­lung her­vor, daß das gemein­schaftliche Ver­hält­nis, in das die Indi­viduen ein­er Klasse trat­en und das durch ihre gemein­schaftlichen Inter­essen gegenüber einem Drit­ten bed­ingt war, stets eine Gemein­schaft war, der diese Indi­viduen nur als Durch­schnittsin­di­viduen ange­hörten, nur soweit sie in den Exis­tenzbe­din­gun­gen ihrer Klasse lebten, ein Ver­hält­nis, an dem sie nicht als Indi­viduen, son­dern als Klassen­mit­glieder teil­hat­ten. Bei der Gemein­schaft der rev­o­lu­tionären Pro­le­tari­er dage­gen, die ihre und aller Gesellschaftsmit­glieder Exis­tenzbe­din­gun­gen unter ihre Kon­trolle nehmen, ist es ger­ade umgekehrt; an ihr nehmen die Indi­viduen als Indi­viduen Anteil.“ (Die Deutsche Ide­olo­gie)

 

Dadurch, dass der aktuelle Wider­stand gegen den „Neo­feu­dal­is­mus“/Faschismus in der Indi­vid­u­al­ität wurzelt bzw. his­torisch notwendig gar nicht anders kann, als in der Indi­vid­u­al­ität zu wurzeln, wird die Gefahr ein­er Entste­hung neuer Zwangsregime mit neuem Masse­nan­hang bei erfol­gre­ichem Wider­stand, wie sie Linke in der „Abgren­zungs­falle“ (Regimekri­tik­er Drac­u­la) an die Wand malen, ger­ing, auch wenn eine zahlen­mäßige Mehrheit des Wider­stands an den Kap­i­tal­is­mus, an die Nation, an Hier­ar­chien glauben sollte. Eher im Gegenteil:

„Einige zweifeln, dass es um ein rev­o­lu­tionären Prozess geht, (weil es kein rev­o­lu­tionäres Pro­gramm gibt oder keine rev­o­lu­tionäre Führung), aber diese Men­schen ken­nen die Dynamik  solch­er Massen­be­we­gun­gen nicht.“ (elTa­bano)

 

Zudem: Ein Chemie- und Schw­erindus­triekap­i­tal, das mit nation­al­faschis­tis­chen Schläger­ban­den Nüt­zlicheres anfan­gen kön­nte als mit ein­er „Atlantifa“ oder mit bun­ten CSD-Aufzü­gen gibt’s in Deutsch­land nicht mehr. In den USA kön­nte das anders sein. Diese Fra­gen wären zu untersuchen.

Möglichst genau und zutr­e­f­fend her­auszufind­en, wie heutige Main- und Side­stream-„Oli­garchen“ und ‑Faschist:innen tick­en, woher sie ihre materiellen und men­tal­en Kräfte nehmen, aus welchen Motiv­en und Sachzwän­gen her­aus sie agieren, ist wichtig, zum Beispiel, um ihnen nicht aus Verse­hen zuzuar­beit­en oder den Wider­stand gegen Haupt­ge­fahren auf Neben­schau­plätzen zu zerreiben.

Die Men­schheit ste­ht am Schei­deweg: Entwed­er siegt die Massen­ma­nip­u­la­tion oder die indi­vidu­elle Dick­köp­figkeit. Entwed­er wer­den wir bzw. die Über­leben­den zu hüb­sch ange­mal­ten Borg-Drohnen im Dien­ste ein­er Oligarch:innenschicht oder wir entwick­eln unsere Pro­duk­tivkräfte weit­er, indem wir unsere Indi­vid­u­al­ität ent­fal­ten. Die tech­nol­o­gis­che Ten­denz zur Abschaf­fung stumpf­sin­niger Arbeit, Schöp­fung und Evo­lu­tion und Liebe sind auf der Seite der­er, die rufen: Frieden – Frei­heit – keine Diktatur!

[1]Zur vielle­icht nöti­gen Recht­fer­ti­gung des Gen­derns mögen Lesende die Bilder, die in ihren Köpfen bei ange­blich gener­ischen Aus­drück­en wie „Arbeit­er“ und „Kap­i­tal­is­ten“ entste­hen, mit denen ver­gle­ichen, die in ihren Köpfen bei Aus­drück­en wie „Arbeiter:innen“ und „Kapitalist:innen“ entste­hen. Diejeni­gen, bei denen im ersten Fall nicht bloß Cis-Män­ner auf­blitzen (wahrschein­lich sind DDR-Sozial­isierte da über­repräsen­tiert), haben kein Gen­dern nötig. Für die meis­ten anderen ver­schwinden durch Nicht­gen­dern Mäd­chen und Frauen aus den Bauernkriegen und unzäh­li­gen his­torischen und aktuellen Aktio­nen, die nicht durch Gemälde/Grafiken, Fotos oder Videos doku­men­tiert sind. Zum Sprachver­hun­zungsar­gu­ment: Es ist das ange­blich „gener­ische“ Maskulinum, das unsere Sprache ver­hun­zt. Dadurch, dass diese Ver­hun­zung uralt ist, wird die neuere Ver­hun­zung durch Gen­dern nicht schlim­mer als die uralte, wiewohl sie eben­falls eine ist. Zum Ver­ständlichkeit­sar­gu­ment siehe emprirische Stu­di­en, S. 19ff.