von Susan Bonath

(Zuerst erschienen am 16. Okto­ber bei RT DE. Wir danken für die Erlaub­nis zur Veröffentlichung.)

Laut Medi­en­bericht­en sollen fast nur ungeimpfte Coro­na-Patien­ten in deutschen Kranken­häusern liegen. Mit dieser Erzäh­lung wollen Poli­tik, Medi­en und Inter­essen­vertreter den Ungeimpften die Schuld an ein­er ange­blich dro­hen­den Über­las­tung des Gesund­heitswe­sens in die Schuhe schieben. Doch die RKI-Dat­en wider­sprechen dem.

Ange­blich liegen „fast nur Ungeimpfte” auf den Coro­na-Sta­tio­nen. Diese Schlagzeile jeden­falls ver­bre­it­ete sich in dieser Woche wie ein Lauf­feuer in den Medi­en. Den Anfang machte das Redak­tion­sNet­zw­erk Deutsch­land (RND), die Nachricht­e­na­gen­tur dpa zog nach. Ob in Bran­den­burgs oder Bay­erns Kliniken: Alle seien über­füllt mit Ungeimpften.

Bere­its im Sep­tem­ber hat­te Bun­des­ge­sund­heitsmin­is­ter Jens Spahn (CDU) vor ein­er „Pan­demie der Ungeimpften“ gewarnt. Kür­zlich griff auch das ZDF seine Worte wieder auf. Die Inten­sivs­ta­tion im bayrischen Rosen­heim sei mit jün­geren Ungeimpften voll belegt, hieß es. Sie seien ver­ant­wortlich für die „vierte Welle” – laut MDR auch in Sach­sen. Es helfe nie­man­dem, „wenn wir es ver­schweigen”, mah­nte eben­falls der Tagesspiegel im Hin­blick vor­wurfsvoll an alle, die sich nicht impfen lassen. Das Blatt zitierte darin einen Charité-Arzt.

Jed­er vierte Coro­na-Patient war ein „Impf­durch­bruch”

Doch die Zahlen des Robert Koch-Insti­tuts (RKI), auf das sich die Poli­tik im Zweifels­fall beruft, zeigen seit Wochen ein ganz anderes Bild. Von ein­er „Pan­demie der Ungeimpften” kann dem­nach keine Rede sein. Im jüng­sten Wochen­bericht, den das Bun­desin­sti­tut am Don­ner­stag veröf­fentlichte, gibt es auf Seite 23 für die ver­gan­genen vier Wochen vom 13. Sep­tem­ber bis 10. Okto­ber einen weitaus höheren Anteil an soge­nan­nten Impf­durch­brüchen an – Ten­denz steigend.

Laut RKI-Bericht waren in der Alters­gruppe der über 60-Jähri­gen bere­its 55,4 Prozent, also mehr als die Hälfte der symp­to­ma­tisch erkrank­ten Coro­na-Patien­ten dop­pelt geimpft. Wobei ange­fügt wer­den muss, dass das RKI diese Fälle erst dann als „Impf­durch­bruch” erfasst, wenn die zweite Imp­fung zum Zeit­punkt des pos­i­tiv­en Coro­na-Tests min­destens zwei Wochen zurücklag.

Bei den jün­geren Erwach­se­nen betrug die so erfasste Rate an „Impf­durch­brüchen” 31,6 Prozent. Ins­ge­samt waren in den zurück­liegen­den vier Wochen dem­nach 35.079 von 100.039 COVID-19-Patien­ten mit Symp­tomen zweimal geimpft, das sind rund 35 Prozent, also mehr als ein Drittel.

Seit eini­gen Wochen hat man sich darauf geeinigt, dass die Imp­fung mit einem der vier COVID-19-Vakzine zwar eine Ansteck­ung nicht voll­ständig auss­chließe. Sie schütze aber sich­er vor schw­eren Krankheitsver­läufen. Doch angesichts der Zahlen gerät auch das ins Wanken: In Alters­gruppe 60 plus zählte das Bun­desin­sti­tut fast 40 Prozent der im Kranken­haus behan­del­ten Coro­na-Patien­ten als „Impf­durch­bruch”, bei den jün­geren Erwach­se­nen bez­if­ferte es ihren Anteil mit 15,3 Prozent. Ins­ge­samt lag der Anteil der zweifach Geimpften in Kranken­häusern damit bei rund 27 Prozent.

Ein Drit­tel der Coro­na-Toten war fer­tig geimpft

Schließlich ent­larvt das RKI selb­st die Mel­dun­gen von „fast nur Ungeimpften” auf Inten­sivs­ta­tio­nen (ITS) als nicht halt­bar. Dem­nach erfasste es 141 von 490 über 60-jähri­gen ITS-Patien­ten in den vier Wochen zwis­chen Mitte Sep­tem­ber und Mitte Okto­ber als „Impf­durch­bruch” – das sind knapp 29 Prozent. Bei den jün­geren Erwach­se­nen zählte es ein gutes Zehn­tel „Impf­durch­brüche”, ins­ge­samt sum­miert sich der Anteil damit auf ein gutes Fünftel.

Noch höher ist sog­ar der Anteil der „Durchgeimpften” bei den soge­nan­nten COVID-19-Todes­fällen. Ins­ge­samt waren 155 von 480 Ver­stor­be­nen voll­ständig geimpft, das waren 32,3 Prozent, also fast ein Drit­tel. In der Alters­gruppe 60 plus, in der dem­nach die aller­meis­ten star­ben, betrug der Anteil der „Impf­durch­brüche” unter den Toten sog­ar fast 35 Prozent.

Dass die Zahl der „Impf­durch­brüche” steigt, ist allerd­ings schon länger bekan­nt. Und sie lag auch in den vier Wochen davor, vom 16. August bis 12. Sep­tem­ber, bere­its höher, als offiziell bekan­nt gegeben. Laut entsprechen­dem Wochen­bericht waren in diesem vor­ange­gan­genen Vier­wochen-Zeitraum ins­ge­samt 27.223 von 114.627 symp­to­ma­tis­chen COVID-19-Patien­ten zweifach geimpft. Die Quote stieg damit von einem knap­pen Vier­tel auf ein gutes Drit­tel, bei den über 60-Jähri­gen sog­ar von 44,8 auf 55,4 Prozent. Bei den Hos­pi­tal­isierten klet­terte die „Durch­bruch­squote” laut RKI bin­nen Monats­frist von elf auf 27 Prozent, bei den auf ein­er ITS Behan­del­ten von zehn auf über 20 Prozent, bei den Toten von 23 auf 32,3 Prozent.

Irreführung durch das Gesundheitsministerium?

Die Bun­desregierung lässt sich allerd­ings von diesen Zahlen nicht beein­druck­en. In ihrer von Steuergeldern finanzierten Impf-Wer­bekam­pagne propagiert sie immer noch die Zahlen der ersten Stu­di­en, mit denen die Vakz­in­her­steller Ende 2020 die Zulas­sung erhiel­ten. So schreibt sie den Vakzi­nen von Pfizer/BioNTech und Mod­er­na weit­er­hin eine „Wirk­samkeit” von 95 Prozent zu, dem Mit­tel von AstraZeneca 80 und dem Impf­stoff von John­son & John­son 65 Prozent.

Das Bun­des­ge­sund­heitsmin­is­teri­um (BMG) lobt in sozialen Medi­en wie Face­book beispielsweise:

„Alle in Deutsch­land zuge­lasse­nen Impf­stoffe schützen wirk­sam und sich­er gegen einen schw­eren Krankheitsver­lauf, auch bei den bish­er bekan­nten Virus­vari­anten.” Zudem sei „das Risiko ein­er Ansteck­ung deut­lich niedriger als ohne Impfung”.

„Falsch” sei dage­gen, so das BMG, dass die „tat­säch­liche Wirk­samkeit der Impf­stoffe niedriger ist als bish­er bekan­nt”. Wer auf ein anderes Ergeb­nis komme als das BMG, inter­pretiere die wis­senschaftlichen Dat­en falsch.

Noch am ver­gan­genen Woch­enende ver­bre­it­ete das BMG ein Video, in dem es heißt, die Impf­stoffe ver­hin­derten „mit hoher Wahrschein­lichkeit” einen schw­eren Krankheitsver­lauf; außer­dem seien „fast alle” COVID-19-Klinikpa­tien­ten ungeimpft.

Zur Unter­mauerung sein­er The­o­rien präsen­tiert das BMG ein Video mit einem Säu­len­di­a­gramm, dass verdeut­lichen soll, wie viel mehr Ungeimpfte in den Kranken­häusern mit Coro­na lägen. Doch die aktuelle Entwick­lung stellt der Clip nicht dar. So fast das BMG darin die RKI-Zahlen zu dop­pelt geimpften Coro­na-Patien­ten von Anfang Feb­ru­ar bis heute zusammen.

Auf diese Weise fall­en die Zahlen der „Impf­durch­brüche” viel geringer aus, als sie inzwis­chen sind. Das rührt daher, dass zu Anfang die Impfquote deut­lich geringer war. Es gab ein­fach noch nicht so viele Geimpfte. Ein weit­eres Prob­lem taucht auf: Das BMG präsen­tiert alle anderen als „ungeimpft”. Dabei ist gar nicht bekan­nt, wie viele dieser Betrof­fe­nen bere­its ein- oder zweimal geimpft waren. Denn wie gesagt: Ein Impf­durch­bruch wird erst angenom­men, wenn von der Zweitimp­fung bis zum Pos­i­tivtest min­destens 14 Tage ver­gan­gen sind. Das ist irreführend, denn es spiegelt nicht die aktuelle Real­ität wider.

Selt­same Berech­nungsmeth­o­d­en des RKI

Möglicher­weise ori­en­tiert sich das BMG doch am RKI. Das deutet seine eige­nen Zahlen näm­lich wenig nachvol­lziehbar. Obwohl die Rate an Impf­durch­brüchen bei den hos­pi­tal­isierten über 60-Jähri­gen zwis­chen dem 13. Sep­tem­ber und 10. Okto­ber bei 39,6 Prozent lag, schreibt das Insti­tut dieser Alters­gruppe eine 87-prozentige Schutzwirkung vor Hos­pi­tal­isierun­gen, also Klinikaufen­thal­ten zu. Und obgle­ich in diesen vier Wochen 28,8 Prozent der über 60-jähri­gen Inten­siv­pa­tien­ten als Impf­durch­bruch erfasst waren, und in den vier Wochen davor immer­hin auch schon 17 Prozent, attestiert es hier eine Wirk­samkeit von 92 Prozent.

Auf Anfrage der Autorin, wie es auf diese Zahlen kam, reagierte RKI-Sprecherin Susanne Glas­mach­er am Fre­itag mit wenig Ver­ständ­nis. „Die Zahlen sind im Bericht enthal­ten”, gab sie zu ver­ste­hen und ging nicht weit­er auf das The­ma ein. In dem Bericht heißt es erläuternd dazu etwa:

„Zur Berech­nung dieser Schätzer wird die Impf­ef­fek­tiv­ität über den Beobach­tungszeitraum wochen­weise berech­net und anschließend der Mit­tel­w­ert aus den wochen­weisen Einzel­w­erten gebildet.”

Welche Wochen gemeint sind, wird allerd­ings nicht ver­rat­en, wahrschein­lich die gesamte Zeit von Beginn der Impfkampagne.

Hat das RKI die Dat­en geschönt?

Auch auf andere Fra­gen will die RKI-Sprecherin partout nicht einge­hen. Etwa: Wie viele der als „ungeimpft” gezählten Coro­na-Patien­ten hat­ten tat­säch­lich bere­its ihre erste oder gar bei­de Imp­fun­gen erhal­ten und nur die vorgeschriebe­nen zwei Wochen nach der let­zten Spritze noch nicht herumgebracht?

Vor eini­gen Wochen hat­te Glas­mach­er die Frage der Autorin unbeant­wortet gelassen, ob bei allen als ungeimpft erfassten Patien­ten über­haupt der Impf­s­ta­tus erhoben wurde. Kurz danach ver­schwan­den ohne großes Auf­se­hen Tausende Patien­ten aus der Gruppe der ange­blich Ungeimpften. Das RKI set­zte der Beschrei­bung in der Tabelle ein „mit Angabe zum Impf­s­ta­tus” hinzu.

So hat­te es im Bericht vom 16. Sep­tem­ber beispiel­sweise fast 66.000 hos­pi­tal­isierte über 60-Jährige seit Anfang Feb­ru­ar erfasst, denen es die „Impf­durch­brüche” gegenüber­stellte. Im näch­sten Bericht waren es plöt­zlich weniger als halb so viele, näm­lich 32.000 mit „erfasstem Impf­s­ta­tus”. Offen­bar hat­te das Insti­tut die Durch­bruch­srate klein­gerech­net, indem es Patien­ten der Gruppe „ungeimpft“ zuschob, bei denen gar keine Infor­ma­tio­nen dazu vorlagen.